4. Trekkingtag, „Von Namche nach Thame (3800m)"


 

Einer dieser wolkenlosen, strahlend-azur-blauen Morgen erwartet uns vor der Lodge. Wir wissen es noch nicht, aber so wird uns nun jeder neue Tag, tatsächlich bis zum Ende, begrüßen! Wieder schlägt mich das Panorama von Namche in seinen Bann. Malerisch aussehende Häuser im hufeisenförmigen Tal, darüber das blendende Weiß der umstehenden Sechstausender - fantastisch! Wir schlagen den Weg nach Thame ein und passieren nach einem letzten Blick auf Namche Bazar, mit der Thamserku-Gruppe (6608m) darüber, einen noch kühlen Wald. Wild soll es darin geben, allein, wir können keins entdecken. Schon bald kommt ein weiterer Stupa in Sicht. Ganz sicher wurde er von den religiösen Erbauern bewusst an diese Stelle gesetzt! Grellweiß vor dem Azur des Himmels und seine goldene Spitze leitet den Blick weiter auf mit Eis durchsetzte Felsgipfel. Man ahnt, dass die Menschen hier alle Dinge der Natur als heilig betrachten, nichts von dieser Traumkulisse und nichts um sie her können sie als zufällig noch unwichtig empfinden, alles ist göttlich, alles ist verehrenswert ...

Der Stupa lädt zum Verweilen und Nachdenken ein
Ein Stupa auf dem Weg nach Thame.Was für ein wunderbarer Ort zum Rasten, Schauen und Nachdenken!

 

Besonders Steine sind heilig! Natürlich, stammen sie doch von diesen Eisriesen, denen das Auge hier oben in keiner Himmelsrichtung ausweichen kann. Und dort oben wohnen die Götter. Nur sie haben die Allmacht sich dort zu behaupten. Glaube aus dem Dunkel der Vergangenheit, als es noch völlig undenkbar war, sich seinem Gott dort droben zu nähern!

 

Tej erklärt uns, dass der im oberen Teil des Stupa bewusst an dieser Stelle eingelassene kleine Buddha auf das etwa einen Kilometer entfernte Dorf Thamo (3493m) „schaut" - ein Glücksbringer also. Überhaupt scheint diese Stelle ein besonders günstiger, überaus geweihter Ort zu sein, am Bergrücken oberhalb des Stupa sind zahlreiche „Chörten" auszumachen. Chörten sind Gräber. Diese Steindenkmäler werden nicht etwa für „important persons" - so meine Frage an Tendi - gebaut, sondern für normale Angehörige der Familie.

 

Wir wenden uns dem Inneren des Tales zu. Ganz im Gegensatz zu gestern, fühle ich mich heute stark. Gestern war wohl ein Anpassungstag für meinen Körper. Ob diese Stärke mich nun alle Tage begleiten wird? Ich hoffe es zumindest. Es ist unglaublich. Fast mit jedem Blick sind jetzt neue Eindrücke einzufangen, wartet hinter jeder Wegbiegung eine neue Überraschung. Basierend auf früheren Erfahrungen, kommt mir in den Sinn, dass ein Verarbeiten von all dem erst nachher - zu Hause - möglich sein wird. Plötzlich sitzt da etwas völlig Exotisches mitten im Fremdartigen: Ein Yogi, ein Hindu-Bettelmönch. Tiefbraune Haut, indo-arische Züge, bemaltes Gesicht, langer, grauer, zotteliger Bart, so habe ich ihn in Erinnerung. Ja, verdammt, da war sie wieder, die Scheu sofort auf den Auslöser zu drücken, zumal man ja oft genug verbal und schriftlich ermahnt wurde, vorher das „Objekt" der Foto-Begierde um Erlaubnis zu fragen. Und als dann jemand fragt und er sich in Positur stellt, da will ich nicht mehr, meine Bilder sollen nach Möglichkeit authentisch sein, mein Apparat die Realität wiedergeben. Er ist eine unvorstellbare Existenz, unbegreiflich in seiner völligen Besitzlosigkeit. Eine Schale hat er bei sich, Reiskörner, ungekocht, darin. Mit ihr erbettelt er sich seinen Lebensunterhalt. Dann ist da noch ein primitives Musikinstrument. Über etwa einen Meter spannen sich zwei Saiten (oder war´s nur eine? Mensch, hätt´ ich ihn doch bloß abgelichtet). Wann benutzt er die „Fidel" und wie und wozu? Nach dieser Begegnung kommt in mir erstmals und sehr massiv der Wunsch auf, zu wissen, zu lesen, über diese Religion, wie auch über die buddhistische. Ich werde es tun! Auf Schritt und Tritt stoßen wir entlang des Weges auf Zeugnisse der tiefen Religiösität dieses Volkes. Immer wieder auch Gelegenheit zu „drehen", zum Beispiel Gebetsmühlen in einem Tor, dass wir kurz vor Thamo passieren.

 

Thamo bietet vielfältige Gelegenheit die Menschen bei ihrer Tagesarbeit zu sehen: Wäscherinnen am Brunnen, Felder, die bearbeitet werden, Kinder, selbstvergessen im Spiel. Thamo löst mir auch ein Rätsel! In Namche habe ich mich mehrmals gefragt, woher sie den Strom beziehen, der die Häuser erhellt, Straßenlaternen (!) speist und in fingerdicken Kabeln in Häusern verschwindet. Auch eine Elektrosäge sahen wir. Unterhalb von Thame gibt es ein Staubecken, das einen Generator speist und hier in Thamo kommen wir an der Schaltzentrale vorbei. Von hier zieht unübersehbar eine Freileitung in Richtung Namche.

Wäscherinnen bei der Arbeit
Wäscherinen im Dorf Thamo. Nicht mit Thame verwechseln!
Mehr Info? -> Small hydro-power station Thame – Namche Bazar

 

Kurz hinter Thamo rasten wir an einer Lodge, trinken Tee und aalen uns in der warmen Elf-Uhr-Sonne. An der Wasserstelle wäscht sich jemand. Er bringt Jürgen und Hans-Jörg auf die Idee es ihm gleich zu tun. Es sei zwar kalt aber dennoch angenehm sagen sie. Soll ich? Ach nein, ich bin zu bequem, zu faul, zu schön wärmt der Stern und zu herrlich ist der Ausblick. Hans-Jörg (oder war es Jürgen?) vergisst hier seine Uhr. Erst in Thame, eine Wegstunde später, wird er es merken und einer unserer Sherpa-Träger wird es als willkommenen Zuverdienst sehen und ihm seinen „Wecker" wiederbringen.

Der Buddha bewacht die Brücke

 

Zwischen Thame und uns liegt nun noch der Fluss dieses Seitentales, der Bhote Koshi. Der Brückenschlag über seine Schlucht ermöglicht einen atemberaubenden Blick in die tosende Klamm. Zuhause wäre das eine Riesenattraktion, hier ist es nur ein Steinchen im imposanten Mosaik einer Natur, die alle mir bekannten Dimensionen sprengt. Vor der Brücke, auf vom Fluss vor Urzeiten konkav und blank gewaschenen Felswänden, bewundere ich zwei meterhohe Bildnisse. Sie zeigen wohl Buddha und auch eine weiblich anmutende Figur. Ich denke an das, was menschliche Verblendung vor wenigen Monaten in Afghanistan anrichtete. Gemeint ist die Zerstörung der zigmeterhohen, uralten und unersetzlichen Buddha-Statuen von Bamiyan, die in einem Stück aus Fels gehauen waren.

Noch eine halbe Stunde und ein Anstieg trennen uns vom Tagesziel Thame. Hans-Jörg und Ines kurz vor der Brücke über den Bhote Koshi

 

Warum tun Menschen das, was macht ihren Fanatismus aus? Wie müsste ich denken, fühlen, um den Wunsch zu haben, diese bunten Werke eines unbekannten Malers hier vor mir auszuradieren? Ich kann es mir nicht erklären, mich nicht einfühlen und es bedrückt mich. Zum Glück folgt der Brücke ein Anstieg und neue Ausblicke zerstreuen schnell alle schlechten Gedanken. Außerdem halte ich mich an das was Tej uns schon am ersten Tag in bestem Deutsch sagte: „Positiv denken"! - Es wird unser Wahlspruch, typisch angesichts der Widrigkeiten und Beschwernisse, die noch vor uns liegen. Und dann prägte er noch eine Wendung. Sie lässt uns erkennen, dass auch der Einheimische hier nicht für alles eine Erklärung hat und - da bin ich ganz sicher - auch nicht sucht: Tejs „Keine Ahnung" schallte uns bei sehr vielen Fragen entgegen. Unsere Neugier ist diesen Menschen sicher auch irgendwie fremd.

Fast geschafft! Thame ist in Sicht. Jürgen und Hans-Jörg haben Thame schon in Sicht!

 

Wir erreichen Thame gegen dreizehn Uhr. Früh genug um noch weitgehend wolkenfreie Blicke auf die Umgebung dieses herrlich gelegenen Ortes zu werfen. Das geschieht meist sitzend, vor der Lodge, in der wir nächtigen werden und wo wir, auf der Terrasse sitzend, nun auf das bestellte Essen warten. Müdigkeit macht sich breit und so ist die lange Zubereitungszeit willkommen zum relaxen.

Das Zimmer (gar nicht übel hier) haben Ines und ich schon bezogen und nachdem unsere 21-kg-Last den Sherpa-Rücken verlassen hat, richten wir uns „häuslich" ein. Danach steht das Kloster von Thame, eines der berühmtesten hier, auf dem Programm. Es „klebt" hoch oben am Berg, fast 4000 Meter hoch. Zunächst ist die hinter den Häusern des Ortes aufgeworfene Gletschermoräne zu besteigen. Spannung kommt auf, wird der Cho Oyu, ein weiterer 8000er zu sehen sein oder verdecken ihn schon die Wolken des Nachmittags? Zunächst Enttäuschung und Vertrösten auf den nächsten Morgen, massive Wolkenformationen in der Ferne versperren die Sicht. Doch bevor wir die Chörten kurz vor uns passieren, ab denen der Klosterhang ohnehin jede Sicht versperrt, reißt es kurz auf und der Cho Oyu zeigt seine Spitze.

 

Also dieses Kloster muss nun wirklich „was bringen", sich hier ´rauf zu quälen ist schließlich doch noch reichlich anstrengend. Im Klosterhof eine Baustelle, behauene und unbehauene Steine liegen herum, auch Sand und sonstiges Baumaterial. Dann hören wir unbekannte, für unsere Ohren reichlich „schräge" Klänge aus dem Inneren des Klosters. Das zieht an, da will ich ´rein! Über die steile, doch kurze Treppe gelangen wir in einen Vorraum, besser Schuhraum. Nach dem wir uns der Bergschuhe entledigt haben, betreten wir befangen - mit qualmenden Socken - den Gebetsraum des Klosters.

Die Mönche vom Kloster Thame vollziehen ihren Ritus Hörte ich davon? Las ich darüber oder sah ich es schon 'mal auf einer Mattscheibe? - Egal, das hier ist sogar spürbar, alle Sinne sind gespannt!

 

Fast kommt es mir vor, als hätten die vierzehn Mönche für uns Platz genommen, um uns eine folkloristische Sensation ersten Ranges zu bieten. Aber das ist nur ein kurzer, völlig falscher Gedanke. Sie lassen sich in ihrer Andacht, in ihrem Gebets-Sing-Sang kaum stören.

Im undurchschaubarem Ritual wechselt Beten mit Singen, werden zwei Klarinetten-ähnliche Trompeten geblasen. Auch für den Bass ist gesorgt, zwei etwa zwei bis drei Meter lange Hörner bringen unbeschreiblich bizarr-fremde Töne hervor. Ab und an bringt einer der Mönche eine Klingel zum tönen und ein anderer schlägt fast ununterbrochen und rhythmisch eine große, an der Decke aufgehängte Trommel. Dann gibt es noch eine Schelle und zwei Hörner. Einige derMönche sind tief in sich versunken (oder schlafen sie etwa?), andere sehr aufmerksam aber trotzdem entspannt. Nicht alle nehmen Notiz von den Fremden und wenn, so lässt keiner erkennen, dass er sich gestört fühlt. Immer wieder schüttet ein Helfer Tee in die abgedeckten Schalen vor den betenden Mönchen, aus denen sie in unvorhersehbaren Momenten Schlucke zu sich nehmen. Derselbe Helfer bringt auch immer wieder Opfergaben zum Altar vor Buddha - zum Beispiel Bananen und andere Früchte. Was geht da eigentlich vor sich? Welche Liturgie befolgen sie, was beten sie? Verdammt, warum habe ich so gar keine Ahnung von dieser Religion und warum habe ich es versäumt vorab darüber zu lesen??? - Ich kann den Frieden empfinden, die Ruhe, die in diesen Menschen herrscht. Sie erfüllt den Raum, scheint von hier auszugehen ... Ohne jedes Verstehen für die vollzogene Zeremonie an sich, dennoch tief beeindruckt - verlassen wir diesen sakralen Ort hoch oben am Berg und kehren in die Lodge zurück. In den Gesprächen des Abends werden alle ähnliche Empfindungen angesichts der Messe im Kloster erkennen lassen. Mittlerweile ist es empfindlich kalt geworden. So wird es jetzt jeden Nachmittag sein, so bald die Sonne hinter den undurchdringlichen Wolken verschwunden ist.

 

Später, im Gastraum der Lodge, treffen wir auf zwei Österreicher, junge Burschen, schon ein wenig verwahrlost aussehend. Heribert - unser allseits anerkanntes wandelndes Lexikon und Kommunikationsgenie - hat schon erfahren, dass es sich um zwei Studenten aus Wien handelt, die ein Angebot ihrer Uni annahmen, sich für ein halbes Jahr in Nepal aufzuhalten. Sie haben den Auftrag Auswirkungen eines Dammbruches hier irgendwo in den Bergen auf die Natur zu erforschen. Neben den Untersuchungen nützen sie die Zeit, um möglichst viel von Land und Leuten zu erfahren. Sie wagten sogar den mehrere Tage dauernden Trekk von Thame aus, weiter Richtung Tibet, durch das für Ausländer eigentlich gesperrte Gebiet. Bis zur Grenze führte sie ihr Weg. Schon hier bin ich sicher, dass ich es in dieser Welt, ganz ohne jeden gewohnten Komfort, auf keinen Fall so lange wie die beiden aushalten könnte ...

 

Zur Homepage back-pfeil.gif 81x85 home06.gif 75x75 Zur Nepal Startseite