5. Trekkingtag, „Von Thame nach Khumjung (3780m)"


Erstmals folgt der Morgens-Aufsteh-Kaumwasch-Sackpack-Zeremonie nicht gleich das Frühstück: Nach einiger Verzögerung - alle warten auf Tej, der uns aber gar nicht begleiten will - steigen einige die vielleicht achtzig Meter auf die Moräne, um nun den Cho Oyu (8201m) ohne Wolken zu sehen. Georg, der "Doc", er ist Internist und Frühaufsteher, war schon oben.

Wer zum Kloster Thame will, muss an diesen Chörten vorbei. Bitte links passieren.
Chörten am Weg zum Kloster Thame. Der Cho Oyu reißt mich nicht vom Hocker, diese Ansicht dagegen sehr!

Mann ist das anstrengend, so ganz ohne wirklich wachen Kreislauf! Oder ist heute etwa wieder einer meiner Anpassungstage, an denen ich körperlich den „alten, schwachen Mann" gebe? - Da hinten lugt er über vorgelagerte grün-grau-braune Berge: Im Grunde nicht sonderlich beeindruckend, zu weit weg und zu verstellt von anderen Riesen, vermag mich der Cho Oyu an diesem hellen Morgen nicht zu begeistern. Und da unten lockt das Frühstück, das uns erst- und letztmals im Freien serviert wird. Herrlich sitzt es sich in der warmen Sonne, ohne Wind. In der Jacke zwar, doch mit großem Genuss zögern wir das Ende dieser Mahlzeit hinaus. Was für ein Platz zum Essen - unmittelbar vor uns reckt ein Sechstausender seine eisgepanzerten Steilflanken in den tiefblauen Himmel!

Blick von Thame zu Thamserku und Tangkega

Kurz vor neun Uhr sind dann endlich alle marschbereit und zunächst ist die anstehende Wanderung Genuss pur für mich. Es geht auf demselben Weg zurück, bergab. Noch einmal also die tosende Klamm mit dem Buddha-Bildnis an der Felswand. Im morgendlichen Gegenlicht gleißen uns Thamserku und Kangtega entgegen. Die Stimmung ist gut, auch bei mir. Wieder ergibt sich die Gelegenheit für ein Gespräch mit Jürgen.

Blick von Thame zu Thamserku und Tangkega

 

Jürgen hat Informatik studiert, arbeitet jetzt in einer kleineren Softwareschmiede, die - wenn ich es richtig erinnere - individuelle Lösungen für Versicherungen verkauft. Er hat sich dort eine Stelle als Projektleiter erarbeitet und damit zu Hause eben auch viel Stress. Verheiratet ist er, seine Frau macht zur selben Zeit Urlaub, nur eben weniger körperlich anspruchsvollen. Kinderlos sind sie, so dass er einen Großteil seiner Freizeit dem Drachenfliegen widmen kann. Mit Hans-Jörg ist er im selben Verein, sie haben sogar zusammen einen Ultraleichtflieger und einen aufwändigen, deshalb teuren Drachen gekauft. Jürgen ist ein stiller Mensch, hört zu, antwortet überlegt, vermeidet Sprüche, kurzum sehr symphatisch. Im Verlauf unseres gemeinsamen Abenteuers merke ich, dass er unter dem Verlust der gewohnten Selbstverständlichkeiten und Bequemlichkeiten genau so „leidet“ wie ich. Es macht Spaß stückweise Weg mit ihm zurück zu legen, man merkt ihm an, dass er über Gesehenes nachdenkt, er ist aufgeschlossen und in keiner Weise aufdringlich.

 

Hinter Thamo zweigt dann der Weg ab über den Berg nach Khumjung. Ab hier geht es stetig bergan und ich bekomme echte Schwächeprobleme. Schon vorher habe ich bemerkt, dass heute absolut nicht „mein Tag“ ist. Innerlich fluchend (Ines teile ich es auch mal halblaut mit), weil Tej ausgerechnet heute kaum Pausen einlegt (oder kommt es mir nur so vor?), wuchte ich mich mäßig steil durch anfänglichen Wald, gefolgt von Wachholderbüschen und Rhododendrenbüschen nach Namche - Thamo - Khumjung - Khunde oben. Ich bin also heilfroh, als wir zur Mittagspause in einer Lodge am alten, aufgelassenen Flugplatz oberhalb Namche rasten. Müde und ausgelaugt hänge ich im verglasten Gastraum der Lodge ab und nicke dann auch immer wieder ein. Das Essen kommt ewig nicht, fast zwei Stunden vergehen, bis alle was bekommen haben. Super! Genügend Zeit zum Regenerieren... Danach geht es mir wirklich besser, fühle ich mich stärker. Über das Flugfeld steigen wir noch ein Stück bergauf. Der Flugplatz wurde nach einem schweren Unglück geschlossen, bei dem eine Maschine gegen den Berg gerast war. Er ist weniger steil als die Piste in Lukla. Aber vielleicht wurde ja genau dieser Umstand den Menschen damals zum Verhängnis, denn so fehlt bei der Landung die bremsende Wirkung der Steigung ...

 

Links schweift der Blick über eine Yakfarm. Aber die Viecher haben sich heute verkrochen oder es gibt keine. Kann auch sein, dass der inzwischen aufgezogene Nebel, der einen umfasssenderen Ausblick unterbindet, irgendwas verdeckt. Dann ist der Scheitelpunkt erreicht und hier oben greift - leider wegen der Wolken nur für sehr kurze Zeit - der Blick wieder nach der herrlichen Fels- und Eisgestalt der Ama Dablam (6856m). Wir lasen ja schon zu Hause davon, dass die Ama Dablam einer der schönsten Berge hier sein soll. Richtung Khumjung geht es dann abwärts, wofür sich ein neuer, mit unzähligen Steinen gepflasterter Weg anbietet. Die Guides erklären, dass dies wegen des Monsuns, der den alten wegschwemmte nötig war. Allerdings haben die Arbeiter nicht sehr viel Erfolg mit ihren Bemühungen gehabt. Zwar ist das neue Pflaster total widerstandsfähig, nur benutzt es niemand, wegen der Stolpergefahr. Alles läuft daneben her. Zwei kichernde junge einheimische Frauen oder Teenager kommen mir entgegen. Natürlich habe ich keine Gewissheit darüber aber sie scheinen mir so sehr in ihr lustiges Gespräch vertieft, dass sie wohl nicht über den sicher merkwürdig aussehenden Fremden lachen. Wie alt sind die beiden? Furchtbar schwer einzuschätzen für Europäer. Irgendwo zwischen fünfzehn und dreißig, näher kann ich es wirklich nicht eingrenzen.

Nach zuletzt steilem Abstieg kommt Khumjung ins Blickfeld. Durch ein Tor, dann über sandigen, flachen Weg, im Uhrzeigersinn (!) vorbei an heiligen Tafeln und dem Stupa von Khumjung, erreichen wir nach wenigen Minuten die Lodge am Ortsrand. Heute ist mir nach Duschen oder besser „Hot Shower", wie es hier heißt.

Thame und seine Umgebung
Traumhaft schöner Blick zurück: Das Dorf Thame klebt wie ein Vogelnest am Berghang

 

Ok, ich weiß um das Brennstoffproblem, wir sind im Naturpark und sehr viele Wälder sind schon verheizt worden. Ehrlich gesagt unterdrücke ich meine diesbezüglichen Skrupel und versuche möglichst viele Gleichgesinnte zu finden - irgendwie beruhigt das mein Gewissen. Ines wird duschen, Heribert auch und Jürgen. Ich will nach dem geplanten Ausflug in den Nachbarort Khunde duschen, fürchte auf dem Weg wieder zu schwitzen. Jürgen argumentiert anders, was er hat, kann ihm keiner mehr nehmen und er erledigt das gleich. Bei uns ist es später dann schon dunkel, entsprechend kalt. Dennoch: Nur Menschen, die über mehrere Tage das Gefühl eingebüßt haben, wie man sich „gewaschen“ fühlt, können nachvollziehen, was so eine Dusche wert ist! Ines duscht neben mir in der zweiten Kabine, ist aber schneller fertig. Dann rasiere ich mich noch, doch das hätte ich im Halbdunkel besser gelassen. Zurück im Zimmer leistet meine Frau erste Hilfe. Mein Gesicht sieht aus, als hätte ich die Rasur mit dem Schlachtermesser vorgenommen. Zig Fetzchen Toilettenpapier bringen dann die roten Rinnsale langsam zum versiegen... Trotzdem fühle ich mich zunächst wunderbar frisch und so schmeckt das Essen noch besser.

 

Vor dieser Selbstverstümmelung lag aber die Wanderung nach Khunde, gegen sechzehn Uhr angetreten. Der Ort liegt nur eine gute halbe Stunde weit entfernt. Bewölkung verhindert nun jede Sicht auf die Berge und es ist auch schon empfindlich kalt. Unser Ziel ist das kleine Hospital von Khunde, eine Gründung von Sir Edmund Hillary, jetzt unterhalten von der Hillary-Stiftung. Durch die engen Fußwege von Khunde muss der Weg erst gefunden werden. Dabei zieht eine Yakherde unsere Blicke auf sich. Noch sind diese zotteligen Tiere mit dem extrem dicken Fell und auch einer ungewöhnlichen Fellverteilung für uns ungewohnt. Ines ist entzückt von den „Jäckchen“, die,  klein und verspielt, ebenfalls zur Herde gehören. Am Hospital angekommen warten wir ein paar Minuten, bis uns der Leiter der Einrichtung von seiner Arbeit erzählt und die Einrichtung erläutert. Es handelt sich um ein neuseeländisches Ehepaar (sie ist Ärztin), das sich für ein paar Jahre der Betreuung der Sherpas des ganzen Tales verschrieben hat. Georg - unser „Doc“ - hat naturgemäß einige Fragen. Außer unserer Gruppe hören auch noch einige „englische“ Gesichter zu. Keine Ahnung woher sie kommen, jedenfalls sehen sie aus wie Engländer und sprechen auch so.

 

Der Rückweg führt uns hinter dem Dorf an einem Volleyballfeld vorbei und sofort bildet sich aus der Gruppe eine Mannschaft, die gegen die Einheimischen spielen möchte. Davon bekomme ich allerdings nichts mit, weil es immer später wird und vor dem Abendessen noch die Dusche lockt. Ines, Heribert, Georg und ich kehren also gleich zur Lodge zurück.

 

Die Welt könnte so schön und das Leben so einfach sein, wenn da im eigenen Körper keine Zeitbomben tickten, die just in dem Moment explodieren, wenn man glaubt sein Recht auf Urlaub ausleben zu können... Schwach und wieder verstummend, meldete sich mein Backenzahn oben rechts seit Phakding ja schon mehrmals. Heute Abend nun vermeide ich, beim Essen die rechte Hälfte der „Kauleiste" zu benutzen und kann mich der Wahrheit nun nicht länger verschließen: Ich habe Zahnschmerzen! Kann man sich etwas Hoffnungsloseres vorstellen, als weit ab von gewohnter ärztlicher Versorgung Zahnschmerzen zu bekommen? Ich nicht! In Namche, da wäre ja eine Zahnärztin, wie ich weiß. Dahin sind es aber sicher zwei Stunden und könnte sie mir helfen und wie sollte ich das mit dem Zeitplan der Gruppe in Einklang bringen? Die Nacht ist schlimm, weniger wegen der Schmerzen, ohne Aufbiss meckert er nur so vor sich hin. Es sind traumartige Fantasien in Halbwachphasen, die mich sehr schlecht schlafen lassen. Ich durch-„denke" alle Möglichkeiten, die mir bleiben, in dieser Nacht. Im Grunde habe ich jedoch nur zwei Alternativen: Abbrechen, nach Namche marschieren und behandeln lassen, oder weiter gehen und hoffen. Hubschrauber, die mich in der Nacht im Traum ausfliegen, sind dann doch zu abwegig...

 

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