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6.
Trekkingtag, „Von Khumjung nach Tengboche (3860m)" |
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Beim
Frühstück geraten mir immer wieder Müsliteile zwischen Ober- und Unterkiefer,
leider auf der falschen Seite. Der Schmerz ist schon erheblich und ebbt danach
nur langsam ab. Doch draußen, im hellen Sonnenlicht eines wunderbaren Morgens,
mit Blick auf die weißen Riesen im Azur, da „entscheide" ich mich für weiter
gehen und hoffen... |
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Von
Tej ist noch zu berichten und seinem Problem. Er hatte sich wohl am Vortag beim
Volleyballspielen eine Zerrung am Fußgelenk zugezogen. Es ist geschwollen und
an Stelle seiner alten Bergschuhe trägt er nun Sandalen. Georg überredete ihn
zu einer Salbe, ich steuere meine Stöcke bei und übernehme dafür seinen krummen
Knüppel, der sicher zu wenig Halt geboten hätte. Bei dieser Gelegenheit konnte
ich wieder etwas über diese Menschen lernen. Sie fallen nicht gerne lästig,
Hilfe ist zwar willkommen aber ein bisschen überreden gibt ihnen dabei ein
besseres Gefühl. Tej musste man alles zwei Mal antragen, um einmal Erfolg zu
haben. Auch Tendi zeigte dieses Verhalten - doch davon später. |
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Hier ist es vor allem die singuläre, alles beherrschende Gestalt der
formschönen Ama Dablam, die meinen Blick immer wieder magisch anzieht. Auf dem
Weg nach unten keuchen uns zahlreiche Träger und Gruppen von Trekkern entgegen,
erinnern daran, dass in einigen Tagen auch uns diese Rückkehrstrapaze
bevorsteht. Kurz hinter der Hängebrücke über den an dieser Stelle beeindruckend
tosenden Fluss, rasten wir dann zur Mittagspause. |
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Ines und ich sind nicht
hungrig, sitzen auf der Mauer am Wegrand und beobachten den
„Durchgangsverkehr". Mein Zahn macht sich einmal mehr bemerkbar und ich
entschließe mich ein Aspirin einzuwerfen. Als das wenige Minuten später zu
wirken beginnt, bin ich dankbar für die Gewissheit, dass mich der immense
Pillenvorrat, allein in unserer Reiseapotheke, einige Zeit über Wasser halten
wird. Der Gedanke Georg um Rat zu fragen kämpft gegen die Skrupel, dass er ja
eigentlich auch Urlaub hat. Georg rät zunächst auch zu Schmerztabletten.
Schmerzbefreit erfasst mich eine unlogische Zuversicht und bestens gelaunt
beginne ich nach über einer Stunde Rast in Phunki Tenga den Aufstieg nach
Tengboche. Noch im Dorf führt der Weg entlang an etwa zehn wassergetriebenen
Gebetsmühlen. Jede von ihnen in einem kleinen Häuschen, zu winzig für Menschen,
einzig dem Zweck geweiht, die Mühlen zu beherbergen. Die sollen sich zu Ehren
Buddhas unablässig drehen, bis die Mechanik den Dienst eines Tages versagt.
Wozu? Warum immer nach dem „Warum“ fragen, das ist so typisch für uns Europäer.
Vieles hier scheint mir zweckfrei, vielleicht einzig dem Wunsch entsprungen,
auch im irdischen Dasein Glück zu finden und dafür Zeichen zu setzen oder sich
zu mühen!
- Auch einen Militärposten passieren wiir ausgangs des Dorfes. Schon wieder eine
Frage: „Was soll denn der hier"? Es ist auch nichts Martialisches zu sehen, ich
erinnere mich nicht |
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mal an eine Wache. Lediglich auf einem Stein in der Sonne
liegende Tarnbekleidung kommt mir in den Sinn ... |
| Auf dem Hochplateau von Tengboche | |
Sicher
war der folgende, etwas mehr als einstündige Aufstieg anstrengend. Aber an
diesem Tag fühle ich mich körperlich fit und empfinde ihn als Genuss. Dazu
tragen die wärmende Sonne, die Aussicht zum steil vor uns aufragenden
Thamserku (6608m) und den ebenso beeindruckenden Kangtega (6685m) bei. Durch
ein Tor betreten wir dann ein Hochplateau und sind zunächst sprachlos von der
sich bietenden Aussicht. Wie im Fieber beginne ich zu fotografieren...
Man kann viele Male lesen, dass Tengboche einer der
schönsten Plätze im ganzen Himalaya sein soll. Doch ich bin sicher, jeder, der
ihn dann zum ersten mal betritt, zum ersten Mal all die Schönheit ringsum sieht,
wird nach Worten suchen, nach Superlativen und doch keine finden, die nicht
schon einmal zugeordnet wurden und eben darum hierfür nicht mehr taugen. Und
dann ist etwas seltsam hier oben: Obwohl in jeder Richtung viele Menschen zu
sehen sind, Einheimische und Trekker, auch Schüler des Klosters, Jungen in der
rot-gelben Robe des Buddhismus, empfindet man Ruhe und Frieden. |
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Keiner aus der Gruppe interessiert sich
anfänglich dafür. Immerhin kreist wie jeden Mittag die Speisekarte und im
mitgereichten Bestellbuch wächst der „Zaun" aus Strichen vor Getränkewünschen
wie „Lemon Tea", „Black Tea", „Milk Tea", „Coke" und den seit Tagen gleichen
Gerichten. Beliebt ist die „RARA Noodle Soup", ein Instantgericht, zu dem nur
kochendes Wasser gegossen wird - fertig. Man
bestellt „Fried Potatoes with Vegetable", „Fried Noodles with Cheese", „Hash
Brown" oder „Momos". Momos sind eine tibetische Spezialität, Nudelteigtaschen mit
verschiedensten Füllungen. Alles garantiert vegetarisch, ohne jedes Stückchen
Fleisch. Wieder warten alle geduldig auf das Essen - heute unablässig in alle
Richtungen die Aussicht genießend. Erst sehr viel später beziehen wir den
„room", wie jeden Tag ein mehr oder weniger hässlicher, unbequemer, enger
Bretterverschlag. Für fünfzehn Uhr ist uns ein Klosterbesuch versprochen, bis
dahin ruht die Truppe. |
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Die
Klosteranlage erstreckt sich - verglichen mit Thame - über ein sehr großes
Areal und umfasst außer dem Tempel auch noch andere Gebäude. Im Gebetsraum
bietet sich wieder Gelegenheit der Zeremonie der Gebete bei zu wohnen. Dass wir
die Schuhe im Vorraum ausziehen müssen, ist schon nicht mehr neu, allerdings
hängt hier der Gestank von sicher hundert qualmenden Füßen in der Luft. Es gibt
also auch noch andere Gründe als die Höhe, warum das Atmen schwer fallen kann.
Die zig Paar Schuhe hier lassen vermuten, dass der „Laden“ voll ist.
Tatsächlich stehen, lehnen und sitzen an einer Seite der Gebetshalle dann
sicher fünfzig Fremde. Überhaupt wirkt die ganze „Show“ hier ein wenig
gestellt. Die meisten Akteure sind - mehr oder weniger geschwätzige -
Klosterschüler, die den Ritus begleitende Musik fehlt und das Gefühl einer Art
folkloristischen Inszenierung will mir nicht mehr vergehen. Ob es wirklich so
ist, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls verhindert die Zuschauermenge jedes
Quäntchen jener Andacht, die ich in Thame empfand. Draußen finden wir uns durch
die Aussagen der Anderen in diesem Eindruck bestätigt. |
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Chose ein Statement" abgeben muss? Ach,
hätte sie doch geschwiegen. Sicher, alle diese Kloster sind bunt bemalt, in
kräftigen, satten Grundfarben: Rot, Grün, Blau, Gelb und Weiß. Uns scheinen die
Ornamentik und die bildhaften Darstellungen vom Leben Buddhas und anderer
Die buddhistische Palette, die sich auch in den
Farben der allgegenwärtigen Gebetsfahnen wiederfindet, beschreibt so das
Universum, in dem der Mensch lebt. Schon dieser Ansatz, mein unvollkommener,
vielleicht nicht einmal richtiger Versuch es zu deuten, lässt es erkennen:
Unsere, wie nepalesische Augen, vermitteln dieselben Bilder, allerdings sehen
wir nicht dasselbe! Nichts ist weniger angebracht in dieser völlig anderen
Welt, als vorschnelle Schlussfolgerungen oder Urteile. |
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Ines
hat noch nicht genug gesehen und überredet mich, mit ihr auf den, dem Kloster gegenüberliegenden
Grat zu steigen. Dort oben sind einige Chörten zu erkennen. Sie und die
umliegenden Büsche sind zum Teil üppig mit Gebetsfahnen drapiert. Kalt ist es
inzwischen geworden, die Sonne ist längst hinter der Nachmittagsbewölkung
verschwunden und der Wind frischt auf. Während wir verhalten aufwärts laufen,
überholt uns eiligen Schrittes ein Mönch. In der Hand hält er eines dieser,
fast wie eine Sichel aussehenden Beile. Oft schon sah ich Menschen damit Holz
hacken oder zerspanen. Als wir bei der obersten Chörte anlangen, hat er
offensichtlich die zuvor hier aufgepflanzten Masten von alten Gebetsfahnen
befreit und sie zusammen bereit gelegt. Allerdings ist der Mönch nirgendwo zu
sehen. Aus dem Wäldchen unterhalb hört man aber sein Beil bei der Arbeit. Wenig
später taucht er zwischen Büschen auf, einen wohl soeben geschlagenen neuen
Pfahl mit sich tragend. Er kürzt ihn noch auf die Länge der bereitliegenden
alten, wendet sich dann mit einem freundlichen Lachen uns zu und erklärt in
gebrochenem Englisch, dass seine Vorbereitungen der Zeremonie des nächsten
Tages dienen, dem Schmücken dieser Chörte mit neuen Gebetsfahnen. Ein letztes,
halb verlegenes, aber warmes Lächeln, dann läuft er geschäftigt auf demselben
Weg zurück. Uns bietet sich noch ein kurzer Blick auf den Mount Everest. Für
einige Minuten reißen die Wolken auf und geben den charakteristischen Gipfel
frei. He, mir ist kalt, protestiere ich, will zurück, habe nun keine Lust mehr,
mich dem inzwischen düsteren Nachmittag hier draußen auszusetzen! |
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Zurück
an der Lodge folgen wir einem Tipp und wenden uns nochmals dem Kloster zu, in
dessen Gebetsraum vier Mönche um eine Holztafel knien und mit Farbpulvern aus
„Reibehörnern“ „malen“. Tage später, in Kathmandu, erfahren wir erst, dass man
solch ein Bildnis Mandala nennt. Später in der Lodge erklärt uns einer aus der
Gruppe, dass das Mandala, diese vielen Stunden Arbeit, nur einer einzigen
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Wir
verlassen das Kloster in dem Bewusstsein, etwas auch für diese Welt nicht
Alltägliches erlebt und gesehen zu haben. Am Haupteingang wenden wir uns nicht
der Haupttreppe in den Innenhof zu, sondern verlassen die Anlage seitlich. So
stoßen wir auf mehrere niedrige Gebäude, die einen kleinen Hof umschließen, auf
dem drei schwarze Pferde stehen. An sich nichts Besonderes könnte man denken
und seines Weges gehen. Doch dann offenbart die Innschrift am Hoftor, dass auch
diesem Refugium eine religiöse Bedeutung beigemessen wird. Und was für eine: „INCARNATE LAMA’S
HOME"!. |
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Entgültig
zurück in der Lodge beherrscht nur noch dieses Messer, das mir jemand beständig
in den Oberkiefer bohrt, mein Denken, und so sitze ich ziemlich schlecht
gelaunt und teilnahmslos da. Georg - der Doc - hat mir aus seiner Apotheke für
die nächsten Tage ein Antibiotikum verordnet. Er hofft, dass es die Entzündung
lindert. Leider reichen die Kapseln nur für zweieinhalb Tage, dann müsste ich
auf ein anderes seiner Präparate umsteigen. Mir ist das total gleichgültig. In
dieser Situation würde ich alles schlucken, was mir Hoffnung auf Besserung
verspricht. Dabei sind es nicht die Schmerzen an sich, die mich fertig machen.
Es ist das Wissen, wie viele Tage ich noch hier ohne Zahnbehandlung werde
durchhalten müssen. Ich verliere den Überblick, wie viele Schmerztabletten ich
schlucke und an diesem Abend hellt auch keine mehr meinen Trübsinn auf. So
beschränke ich mich darauf, das Abendessen einnehmen und die Menschen zu beobachten.
Da ist diese englischsprachige Dame, vielleicht fünfzig Jahre alt, die wohl die
Wirtin der Lodge sehr gut kennt und mag. Sie umarmen sich und lachen viel
miteinander. Welche Art von Beziehung, welche Bindungen mögen zwischen den
beiden bestehen. Drei Israelis sind in der Lodge: Vater cirka fünfzig Jahre
alt, Sohn Anfang zwanzig und Tochter etwas jünger. Die beiden Jungen
unterhalten sich mit einem Schweizer Paar, gleichfalls noch sehr jung, in
englischer Sprache. Dann spielen sie alle zusammen ein Kartenspiel, dessen Ziel
es zu sein scheint möglichst viel zu lachen... Später soll es noch mit dem
älteren Israeli zu einer lebhaften Diskussion um die Situation im Nahen Osten
gekommen sein. Unmöglich, die neuseeländische Gruppe zu übersehen und vor allem
zu überhören, die sich zunächst mit Gesprächen und Kartenspiel, alles begleitet
von bisweilen dröhnendem Lachen, die Zeit vertreiben. Gegen Ende des Abends
outet sich dann eine etwa dreißigjährige Frohnatur rheinischen Typs als
unentdecktes aber supertalentiertes Sangestalent. Sein Repertoire ist gewaltig
und seine Stimme wirklich nicht übel. Abgesehen von einem Trübsinnigen im Raum,
hat sein englischer Bariton auf alle eine positive Wirkung. Mann oh Mann, wie
egal einem alles sein kann, wenn innen drin der Teufel tobt... |
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