6. Trekkingtag, „Von Khumjung nach Tengboche (3860m)"


 

Beim Frühstück geraten mir immer wieder Müsliteile zwischen Ober- und Unterkiefer, leider auf der falschen Seite. Der Schmerz ist schon erheblich und ebbt danach nur langsam ab. Doch draußen, im hellen Sonnenlicht eines wunderbaren Morgens, mit Blick auf die weißen Riesen im Azur, da „entscheide" ich mich für weiter gehen und hoffen...

Karte Khumjung - Tengpoche

 

Von Tej ist noch zu berichten und seinem Problem. Er hatte sich wohl am Vortag beim Volleyballspielen eine Zerrung am Fußgelenk zugezogen. Es ist geschwollen und an Stelle seiner alten Bergschuhe trägt er nun Sandalen. Georg überredete ihn zu einer Salbe, ich steuere meine Stöcke bei und übernehme dafür seinen krummen Knüppel, der sicher zu wenig Halt geboten hätte. Bei dieser Gelegenheit konnte ich wieder etwas über diese Menschen lernen. Sie fallen nicht gerne lästig, Hilfe ist zwar willkommen aber ein bisschen überreden gibt ihnen dabei ein besseres Gefühl. Tej musste man alles zwei Mal antragen, um einmal Erfolg zu haben. Auch Tendi zeigte dieses Verhalten - doch davon später.

Sie weist den Weg: Ama Dablam 6856m Auf dem Weg nach Tengboche

Zunächst verläuft der Weg eben und die mächtige Ama Dablam weist den Weg. Um das Ziel Tengboche zu erreichen, das ja etwa auf gleicher Höhe liegt, müssen wir allerdings in die bewaldete Schlucht des Dudh Koshi absteigen und uns dann fast siebenhundert Meter wieder nach oben arbeiten. Bevor es steil nach unten geht öffnet sich entlang des hier gut ausgebauten und breiten Weges wieder eines der unbeschreiblichen Panoramen, mit denen jeder unserer Tage im Himalaya aufwartet.

Hier ist es vor allem die singuläre, alles beherrschende Gestalt der formschönen Ama Dablam, die meinen Blick immer wieder magisch anzieht. Auf dem Weg nach unten keuchen uns zahlreiche Träger und Gruppen von Trekkern entgegen, erinnern daran, dass in einigen Tagen auch uns diese Rückkehrstrapaze bevorsteht. Kurz hinter der Hängebrücke über den an dieser Stelle beeindruckend tosenden Fluss, rasten wir dann zur Mittagspause.

 

Ines und ich sind nicht hungrig, sitzen auf der Mauer am Wegrand und beobachten den „Durchgangsverkehr". Mein Zahn macht sich einmal mehr bemerkbar und ich entschließe mich ein Aspirin einzuwerfen. Als das wenige Minuten später zu wirken beginnt, bin ich dankbar für die Gewissheit, dass mich der immense Pillenvorrat, allein in unserer Reiseapotheke, einige Zeit über Wasser halten wird. Der Gedanke Georg um Rat zu fragen kämpft gegen die Skrupel, dass er ja eigentlich auch Urlaub hat. Georg rät zunächst auch zu Schmerztabletten. Schmerzbefreit erfasst mich eine unlogische Zuversicht und bestens gelaunt beginne ich nach über einer Stunde Rast in Phunki Tenga den Aufstieg nach Tengboche. Noch im Dorf führt der Weg entlang an etwa zehn wassergetriebenen Gebetsmühlen. Jede von ihnen in einem kleinen Häuschen, zu winzig für Menschen, einzig dem Zweck geweiht, die Mühlen zu beherbergen. Die sollen sich zu Ehren Buddhas unablässig drehen, bis die Mechanik den Dienst eines Tages versagt. Wozu? Warum immer nach dem „Warum“ fragen, das ist so typisch für uns Europäer. Vieles hier scheint mir zweckfrei, vielleicht einzig dem Wunsch entsprungen, auch im irdischen Dasein Glück zu finden und dafür Zeichen zu setzen oder sich zu mühen! - Auch einen Militärposten passieren wiir ausgangs des Dorfes. Schon wieder eine Frage: „Was soll denn der hier"? Es ist auch nichts Martialisches zu sehen, ich erinnere mich nicht

Hochplateau von Tengboche

mal an eine Wache. Lediglich auf einem Stein in der Sonne liegende Tarnbekleidung kommt mir in den Sinn ...

Auf dem Hochplateau von Tengboche

Sicher war der folgende, etwas mehr als einstündige Aufstieg anstrengend. Aber an diesem Tag fühle ich mich körperlich fit und empfinde ihn als Genuss. Dazu tragen die wärmende Sonne, die Aussicht zum steil vor uns aufragenden Thamserku (6608m) und den ebenso beeindruckenden Kangtega (6685m) bei. Durch ein Tor betreten wir dann ein Hochplateau und sind zunächst sprachlos von der sich bietenden Aussicht. Wie im Fieber beginne ich zu fotografieren... Man kann viele Male lesen, dass Tengboche einer der schönsten Plätze im ganzen Himalaya sein soll. Doch ich bin sicher, jeder, der ihn dann zum ersten mal betritt, zum ersten Mal all die Schönheit ringsum sieht, wird nach Worten suchen, nach Superlativen und doch keine finden, die nicht schon einmal zugeordnet wurden und eben darum hierfür nicht mehr taugen. Und dann ist etwas seltsam hier oben: Obwohl in jeder Richtung viele Menschen zu sehen sind, Einheimische und Trekker, auch Schüler des Klosters, Jungen in der rot-gelben Robe des Buddhismus, empfindet man Ruhe und Frieden.

Zum zweiten Mal sehen wir Sagarmatha, das Dach der Welt. Seine 8848 Meter hohe Spitze erhebt sich - wie wenige Tage vorher - über den Felsrücken zwischen Nuptse (7861m) und Lhotse (8414m). Doch immer noch scheint dieses höchste Gebirgsmassiv der Welt sehr weit entfernt, beherrscht die deutlich niedrigere Ama Dablam die Szenerie. Ein Steinwurf nur vom Zugang auf das Plateau liegt unsere Lodge für diese Nacht.

Von Tengboche geht der Blick voraus zu Nuptse, Lhotse und Mount Everest
Tengboche: Die Brücke zwischen Religion und Natur!

 

Keiner aus der Gruppe interessiert sich anfänglich dafür. Immerhin kreist wie jeden Mittag die Speisekarte und im mitgereichten Bestellbuch wächst der „Zaun" aus Strichen vor Getränkewünschen wie „Lemon Tea", „Black Tea", „Milk Tea", „Coke" und den seit Tagen gleichen Gerichten. Beliebt ist die „RARA Noodle Soup", ein Instantgericht, zu dem nur kochendes Wasser gegossen wird - fertig. Man bestellt „Fried Potatoes with Vegetable", „Fried Noodles with Cheese", „Hash Brown" oder „Momos". Momos sind eine tibetische Spezialität, Nudelteigtaschen mit verschiedensten Füllungen. Alles garantiert vegetarisch, ohne jedes Stückchen Fleisch. Wieder warten alle geduldig auf das Essen - heute unablässig in alle Richtungen die Aussicht genießend. Erst sehr viel später beziehen wir den „room", wie jeden Tag ein mehr oder weniger hässlicher, unbequemer, enger Bretterverschlag. Für fünfzehn Uhr ist uns ein Klosterbesuch versprochen, bis dahin ruht die Truppe.

 

Die Klosteranlage erstreckt sich - verglichen mit Thame - über ein sehr großes Areal und umfasst außer dem Tempel auch noch andere Gebäude. Im Gebetsraum bietet sich wieder Gelegenheit der Zeremonie der Gebete bei zu wohnen. Dass wir die Schuhe im Vorraum ausziehen müssen, ist schon nicht mehr neu, allerdings hängt hier der Gestank von sicher hundert qualmenden Füßen in der Luft. Es gibt also auch noch andere Gründe als die Höhe, warum das Atmen schwer fallen kann. Die zig Paar Schuhe hier lassen vermuten, dass der „Laden“ voll ist. Tatsächlich stehen, lehnen und sitzen an einer Seite der Gebetshalle dann sicher fünfzig Fremde. Überhaupt wirkt die ganze „Show“ hier ein wenig gestellt. Die meisten Akteure sind - mehr oder weniger geschwätzige - Klosterschüler, die den Ritus begleitende Musik fehlt und das Gefühl einer Art folkloristischen Inszenierung will mir nicht mehr vergehen. Ob es wirklich so ist, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls verhindert die Zuschauermenge jedes Quäntchen jener Andacht, die ich in Thame empfand. Draußen finden wir uns durch die Aussagen der Anderen in diesem Eindruck bestätigt.

Image022.jpg 510x354 Die große Klosteranlage von Tengboche

Dann einer der Momente des Kopfschüttelns auf dieser Reise: Eben aus dem Gebetsraum tretend, versteigt sich eine Dame im mittleren Alter zu der gehaltvollen Aussage, dass ihr andere Kloster besser gefallen haben, dies hier empfinde sie als viel zu „kitschig". Wieder misst jemand mit seinen westlichen Maßstäben, urteilt nach seinem Europageschmack. Oder muss da nur etwas gesagt werden, weil man halt nach „so ´ner Sightseeing-

Chose ein Statement" abgeben muss? Ach, hätte sie doch geschwiegen. Sicher, alle diese Kloster sind bunt bemalt, in kräftigen, satten Grundfarben: Rot, Grün, Blau, Gelb und Weiß. Uns scheinen die Ornamentik und die bildhaften Darstellungen vom Leben Buddhas und anderer weiße Gebetsfahne Szenen, mit denen der ganze Gebetsraum innen bemalt ist, als naive, farblich unvollkommene Malerei. Immerhin haben wir aber gehört und so gibt es einen gewissen Sinn, dass die Farben als Symbole stehen. Blau symbolisiert den Himmel, Weiß die Wolken, Grün die Bäume, Rot steht für das Feuer und Gelb bringt die Sonne in jedes Bild. So jedenfalls wurden uns die Farben erläutert. Zu Hause, beim Nachlesen und forschen im Internet, tauchten dann schwerwiegende Zweifel ob dieser Darstellung auf. Klicke bitte auf den Link oder das nebenstehende Bild, um das Rechercheergebnis anzusehen!

 

Die buddhistische Palette, die sich auch in den Farben der allgegenwärtigen Gebetsfahnen wiederfindet, beschreibt so das Universum, in dem der Mensch lebt. Schon dieser Ansatz, mein unvollkommener, vielleicht nicht einmal richtiger Versuch es zu deuten, lässt es erkennen: Unsere, wie nepalesische Augen, vermitteln dieselben Bilder, allerdings sehen wir nicht dasselbe! Nichts ist weniger angebracht in dieser völlig anderen Welt, als vorschnelle Schlussfolgerungen oder Urteile.

  

Ines hat noch nicht genug gesehen und überredet mich, mit ihr auf den, dem Kloster gegenüberliegenden Grat zu steigen. Dort oben sind einige Chörten zu erkennen. Sie und die umliegenden Büsche sind zum Teil üppig mit Gebetsfahnen drapiert. Kalt ist es inzwischen geworden, die Sonne ist längst hinter der Nachmittagsbewölkung verschwunden und der Wind frischt auf. Während wir verhalten aufwärts laufen, überholt uns eiligen Schrittes ein Mönch. In der Hand hält er eines dieser, fast wie eine Sichel aussehenden Beile. Oft schon sah ich Menschen damit Holz hacken oder zerspanen. Als wir bei der obersten Chörte anlangen, hat er offensichtlich die zuvor hier aufgepflanzten Masten von alten Gebetsfahnen befreit und sie zusammen bereit gelegt. Allerdings ist der Mönch nirgendwo zu sehen. Aus dem Wäldchen unterhalb hört man aber sein Beil bei der Arbeit. Wenig später taucht er zwischen Büschen auf, einen wohl soeben geschlagenen neuen Pfahl mit sich tragend. Er kürzt ihn noch auf die Länge der bereitliegenden alten, wendet sich dann mit einem freundlichen Lachen uns zu und erklärt in gebrochenem Englisch, dass seine Vorbereitungen der Zeremonie des nächsten Tages dienen, dem Schmücken dieser Chörte mit neuen Gebetsfahnen. Ein letztes, halb verlegenes, aber warmes Lächeln, dann läuft er geschäftigt auf demselben Weg zurück. Uns bietet sich noch ein kurzer Blick auf den Mount Everest. Für einige Minuten reißen die Wolken auf und geben den charakteristischen Gipfel frei. He, mir ist kalt, protestiere ich, will zurück, habe nun keine Lust mehr, mich dem inzwischen düsteren Nachmittag hier draußen auszusetzen!

 

Zurück an der Lodge folgen wir einem Tipp und wenden uns nochmals dem Kloster zu, in dessen Gebetsraum vier Mönche um eine Holztafel knien und mit Farbpulvern aus „Reibehörnern“ „malen“. Tage später, in Kathmandu, erfahren wir erst, dass man solch ein Bildnis Mandala nennt. Später in der Lodge erklärt uns einer aus der Gruppe, dass das Mandala, diese vielen Stunden Arbeit, nur einer einzigen Hier geht's zur offiziellen Tengboche Seite!religiösen Zeremonie dienen, an deren Ende das Bild durch Wegblasen des Farbpulvers wieder zerstört wird. Dies symbolisiert die Vergänglichkeit alles Irdischen. Die „Reibehörner" sind schlanke, metallene Trichter, außen mit Rillen versehen und an der Spitze mit einer feinen Öffnung. Durch Reiben mit einem Holz- oder Metallstäbchen an der Außenseite rieselt das Farbpulver an die gewünschte Stelle. Jeder der vier hat etliche Schalen mit intensiven Farbtönen neben sich stehen, aus denen er das Malwerkzeug befüllt. Ines ist wirklich sehr begeistert von Werk und Technik.

Die Frage nach einem Foto wird wie erwartet mit Zustimmung beschieden, begleitet allerdings mit einer, auf ein mit Geldscheinen gut gefülltes Einmachglas, hindeutenden Geste. In diesem Fall stört es mich nicht, bin ich doch sicher, dass das farbenfrohe Werk nicht für uns Fremde entsteht. Seine Entstehung und Verwendung sind religiös motiviert.

Im Gebetsraum des Klosters arbeiten vier Mönche an einem Mandala aus Farbpulvern.
Ein Kunstwerk demonstriert die Vergänglichkeit!

 

Wir verlassen das Kloster in dem Bewusstsein, etwas auch für diese Welt nicht Alltägliches erlebt und gesehen zu haben. Am Haupteingang wenden wir uns nicht der Haupttreppe in den Innenhof zu, sondern verlassen die Anlage seitlich. So stoßen wir auf mehrere niedrige Gebäude, die einen kleinen Hof umschließen, auf dem drei schwarze Pferde stehen. An sich nichts Besonderes könnte man denken und seines Weges gehen. Doch dann offenbart die Innschrift am Hoftor, dass auch diesem Refugium eine religiöse Bedeutung beigemessen wird. Und was für eine: „INCARNATE LAMA’S HOME"!.

 

Entgültig zurück in der Lodge beherrscht nur noch dieses Messer, das mir jemand beständig in den Oberkiefer bohrt, mein Denken, und so sitze ich ziemlich schlecht gelaunt und teilnahmslos da. Georg - der Doc - hat mir aus seiner Apotheke für die nächsten Tage ein Antibiotikum verordnet. Er hofft, dass es die Entzündung lindert. Leider reichen die Kapseln nur für zweieinhalb Tage, dann müsste ich auf ein anderes seiner Präparate umsteigen. Mir ist das total gleichgültig. In dieser Situation würde ich alles schlucken, was mir Hoffnung auf Besserung verspricht. Dabei sind es nicht die Schmerzen an sich, die mich fertig machen. Es ist das Wissen, wie viele Tage ich noch hier ohne Zahnbehandlung werde durchhalten müssen. Ich verliere den Überblick, wie viele Schmerztabletten ich schlucke und an diesem Abend hellt auch keine mehr meinen Trübsinn auf. So beschränke ich mich darauf, das Abendessen einnehmen und die Menschen zu beobachten. Da ist diese englischsprachige Dame, vielleicht fünfzig Jahre alt, die wohl die Wirtin der Lodge sehr gut kennt und mag. Sie umarmen sich und lachen viel miteinander. Welche Art von Beziehung, welche Bindungen mögen zwischen den beiden bestehen. Drei Israelis sind in der Lodge: Vater cirka fünfzig Jahre alt, Sohn Anfang zwanzig und Tochter etwas jünger. Die beiden Jungen unterhalten sich mit einem Schweizer Paar, gleichfalls noch sehr jung, in englischer Sprache. Dann spielen sie alle zusammen ein Kartenspiel, dessen Ziel es zu sein scheint möglichst viel zu lachen... Später soll es noch mit dem älteren Israeli zu einer lebhaften Diskussion um die Situation im Nahen Osten gekommen sein. Unmöglich, die neuseeländische Gruppe zu übersehen und vor allem zu überhören, die sich zunächst mit Gesprächen und Kartenspiel, alles begleitet von bisweilen dröhnendem Lachen, die Zeit vertreiben. Gegen Ende des Abends outet sich dann eine etwa dreißigjährige Frohnatur rheinischen Typs als unentdecktes aber supertalentiertes Sangestalent. Sein Repertoire ist gewaltig und seine Stimme wirklich nicht übel. Abgesehen von einem Trübsinnigen im Raum, hat sein englischer Bariton auf alle eine positive Wirkung. Mann oh Mann, wie egal einem alles sein kann, wenn innen drin der Teufel tobt...

 

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