7. Trekkingtag, „Von Tengboche nach Pheriche (4270m)"


 

Die Nacht war nicht toll. Ja, ja das Toben im Oberkiefer. Eine schier endlose Kette von „Aufwachen - Schmerz wahrnehmen - enttäuscht feststellen, dass es immer noch dunkel ist und wieder Einschlafen" lässt mir die Nacht zur Ewigkeit werden. Endlich 6.30 Uhr, ich darf aufstehen. Draußen dann eine Enttäuschung: Zum ersten Mal ist der Himmel bedeckt, die Wolkenuntergrenze hängt nur wenige Hundert Meter über unseren Köpfen. Aber die Sorge, das Wetter könnte nun umschlagen, ist unbegründet. Schon kurz nach dem Aufbruch, wir verlassen das Hochplateau und steigen gut hundertfünfzig Meter durch einen Wald hinab zum Imja Khola Fluss, reißt der Himmel auf. Nach der Hängebrücke steigt der Weg wieder an, es beginnt der lange Aufstieg nach Pheriche. Die Ama Dablam versteckt sich nicht länger und ist uns so lange Wegweiser und Fotomotiv, bis am Nachmittag die üblichen Wolken sie wieder verschlucken. Auch der Lhotse leuchtet herüber und wird von vielen abgelichtet.

 

Von Tengboche nach Pheriche

Mittags entscheide ich, nichts zu essen. RARA-Noodle-Soup kann ich schon nicht mehr riechen und alles Festere wäre eine Tortur für meine Kauleiste. Außerdem fühle ich mich heute etwas schwächer und habe auch kaum Appetit. Es lässt sich nun trefflich darüber spekulieren, ob diese manchmal vorhandene Appetitlosigkeit, die an manchen Tagen attackierende Schwäche und auch die häufigen Kopfschmerzen nach schlecht durchschlafener Nacht, schon eine leichte Form der Höhenkrankheit darstellen oder einfach auf alles mögliche andere zurückzuführen sind. Bis zum Schluss werde ich mir diese Frage immer wieder vorlegen, auch mit anderen diskutieren und doch keine Gewissheit bekommen. Während die Übrigen sich den hungrigen Trekker-Bauch vollschlagen, sitze ich etwas abseits in der Sonne, mache ein paar Aufnahmen von zwei Rotznasen, die hier in die Lodge gehören und habe die Augen ansonsten meist geschlossen.

 

Kinder aus Pangboche

Mit dem Aufbruch ist der sonnige Teil des Tages fast zu Ende und der Wind lässt mich frösteln. In dieser Höhe ist nun ohne Jacke nichts mehr zu machen. Während der sechshundert Meter Aufstieg dieses Tages zeigt sich die Gruppe insgesamt gut akklimatisiert. Keiner lässt offensichtliche Schwächen erkennen. Pheriche ist ein wahrhaft trostloser Ort. Heute bestimmt mehr als sonst. Zur Tatsache, fehlender Bäume und größerer Büsche in über 4200 Meter Höhe, addieren sich Tristesse und Düsternis des wolkenverhangenen und schwindenden Tages.

 

Das Himalaya-"Hotel" - ein Schmunzeln ist erlaubt - verfügt über einen schönen Aufenthaltsraum, in dessen Mitte, wie gewohnt, der eiserne Wärmespender sein Ofenrohr durch die Zimmerdecke schickt. Dieser hier wird mit flachen Brocken aus Yakdung geheizt. Gesehen habe ich unterwegs schon häufiger, wie frische Dungfladen oder -knollen alsbald aufgesammelt, zu Kugeln geformt und dann auf Steinen zum Trocknen platt festgeklebt wurden. Leider ist dieser Gastraum viel zu groß, so dass es kaum richtig warm werden wird (Wie es im Gastraum einer Lodge aussieht? Einfach auf den Link "Pheriche" klicken!). Tej und Tendi, unsere beiden Guides, sitzen zusammen mit anderen Gästen rund um den Ofen, wir am Rande. Ich genieße heute meine zweite warme Dusche. Stelle sich jedoch bitte niemand vor, dass einem hier beim „Warmduschen" auch wirklich „warm" wird. Immerhin spielt sich das Ganze in einem unbeheizten, grob zusammen gezimmerten Kasten mit papierdünnen Wänden ab - also praktisch im Freien. Hinzu kommt, dass ich dabei auch noch gegen mein schlechtes Gewissen ankämpfe. Wasser kann in diesen Tälern Mehr Bilder zu Pheriche und zum Inneren einer Lodgenur mit Feuer erhitzt werden, abgesehen vielleicht von Namche und Umgebung, dort gibt es immerhin Strom aus Wasserkraft. Offenes Feuer also und dabei verbrennt noch häufig Holz, eine wirkliche Umweltsünde hier oben, zu viele Wälder sind dabei schon zerstört worden. Zu meiner Entlastung drängt es mich an dieser Stelle anzumerken, dass die heutige Dusche eindeutig auf einem Kerosinkocher bereitet wurde. Sein Fauchen ist deutlich zu vernehmen und beim Verlassen des Gastraumes bestätigt das auch ein Blick in die Küche. Auch in Khumjung beging ich keinen Umweltfrevel, dort wurde das Heißwasser elektrisch bereitet. Um der ganzen Wahrheit die Ehre zu geben: Es war mir zwar nicht egal, wie gefeuert wurde, geduscht hätte ich aber auf jeden Fall.

 

Als ich die Erlebnisse des Tages aufschreibe, muss ich auf´s Klo und beende die Aufzeichnungen deshalb nach ein paar Zeilen. Warum ich eine so undelikate und alltägliche Verrichtung hier erwähne? - Ich schreibe zunächst mal bewusst „Klo" nicht Toilette. Der Leser sollte wissen, dass statt „Klo" eher vulgärere, der Gosse entlehnte Wörter angemessen wären, die diese Stätte der Unsauberkeit vorstellbar machen! Beim Lodgetrekking ist das Aufsuchen eines „Klos" für den gut erzogenen und sanitär verwöhnten Europäer eine meist reichlich ekelerregende Sache. Ein Loch im Holzboden eines Verschlages, ringsum mit Fäkalien verdreckt, es stinkt manchmal erbärmlich und obendrein ist es ausgerechnet an diesem Ort entsetzlich kalt... Natürlich versuche auch ich die Notdurft auf den hellen Tag und hinter Felsen an der frischen Luft zu verlegen. Nur geht das nicht immer, der viele Tee zwingt mich mitten in der Nacht an diese Stätte des Horrors. Und das Antibiotikum, das ich wegen der Zahnschmerzen schlucke oder irgendwelche mikroskopisch kleinen Tierchen in mir drin, bringen auch noch meinen Darm durcheinander.

 

Selbstverständlich hätte ich dem Leser diesen unangenehmen Blick auf Menschliches ersparen können, nur hat mir gerade dieser Aspekt der Unternehmung manchmal gründlich den Spaß verdorben. Nichts vom gewohnten, bequemen, häuslichen Leben bleibt hier draußen erhalten ... Glücklich kann sich schätzen, wem diese unschöne Facette des Trekkings überhaupt nichts ausmacht.

 

Nach dem Abendessen entbrennt eine Diskussion um die Besteigung des Chukung Ri, die übermorgen auf dem Programm steht. Tej schlägt der Gruppe vor, an Stelle des 5546 Meter hohen Chukhung Ri zum dahinter liegenden, 300 Meter höheren Chukhung aufzusteigen. Das sei das lohnendere und nicht risikoreichere Ziel, versucht er uns zu überzeugen. Die Gruppe versucht sich zu einigen, was letztlich in die Formel mündet kurz unterhalb des Chukhung Ri zu entscheiden - jeder für sich, der Tagesform gehorchend. Schon hier ist spürbar, dass allmählich alle erfassen, wie sehr Körper und Seele von unserem Trip beansprucht werden. Dies ist kein sorgloser Spaß! Eine Rolle spielt auch die Befürchtung, dass, anlässlich eines Unfalles auf abweichender Route, der Rundumschutz, den der DAV Summit Club seinen Trekkern bietet, aufgehoben sein könnte. Ich vertrete die Auffassung, dass diese Einwände nicht stichhaltig sind, weil der Guide einen Spielraum bei der Gestaltung der Tour haben muss.

 

War es vor dem Abendessen oder erst nach unserer „Chukhung-Diskussion"? Ich weiß es nicht mehr sicher, doch schon einige Zeit fällt uns eine fünfköpfige Gruppe von Bergsteigern auf, die schräg gegenüber um einen Tisch sitzt und Unmengen von Essen in sich hinein schaufelt. Dass es sich um Bergsteiger handeln muss, ist schon an ihren ungemein drahtigen Erscheinungen zu erkennen. Ohne jede Vorbereitung, dann eine schockierende Nachricht von Tendi: Die fünf stellen eine Hälfte einer spanischen Pumori-Expedition dar. Der Pumori ist ein Nachbar des Mount Everest und 7165 Meter hoch. Die andere Hälfte der Expedition ist tot! - Vor wenig mehr als einem Tag hatte eine Lawine die fünf im Schlaf in ihren Zelten in einem vorgeschobenen Lager erwischt. Wie groß muss das Entsetzen in diesen Männern sein? Reden sie jetzt, während sie sich immer wieder Bissen in den Mund schieben, über den Unfall? Versuchen sie nachträglich herauszufinden, ob es einen besseren Ort für den Zeltbau gegeben hätte? Machen sie sich oder ihrem Führer Vorwürfe? Lebt der Führer der Gruppe noch? Oder versuchen sie das Gewesene zu verdrängen? - Warum erreicht mich das Grauen, dem die fünf ausgesetzt gewesen sein müssen nicht? Muss man denn alles selbst erlebt haben, um nachfühlen zu können ..?

 

Wie jeden Abend gehen Georg, Heribert, Olaf, Matthias und häufig auch Hans-Jörg und Jürgen früh zu Bett. Ich versuche alles, die Zeit im Schlafsack zu verkürzen und Ines hat an diesem Abend auch noch Sitzfleisch. Zu uns gesellen sich Günther und Lars, langjährige Freunde, die gleichfalls noch nicht müde zu sein scheinen. Günther wohnt in Kiel, hat Elektrotechnik studiert und beschäftigt sich jetzt beruflich mit Energietechnik, insbesondere mit modernen Systemen zur Stromerzeugung durch Wasserkraft, Windanlagen und Sonnenkollektoren. Ein jungenhaft wirkender, netter Kerl, Anfang dreißig, der oft einen lustigen aber nie platten oder dummen Spruch ablässt. Er unterhält sich lange mit Ines, weil sich Lars und ich in ein unerschöpfliches Thema verbissen haben, zu dem mir unendlich viel einfällt - die Bundeswehr. Von Lars weiß ich weit weniger, im Grunde nur, dass er nach Maschinenbaustudium bei den Stadtwerken Münster einen Job gefunden hat. Da er keinen Wehrdienst sondern zivilen Ersatzdienst leistete, sieht er viele der aktuellen Probleme der Bundeswehr nicht wie sie sind: komplex miteinander verwoben und von Geldnot aufgebläht. Inwieweit mir gelingt ein realistisches Bild von meinem Beruf zu zeichnen weiß ich nicht, auf jeden Fall ist es einer der angenehmen Abende. Wie schon mehrmals zuvor, bessert sich meine Stimmung auch durch die einsetzende Wirkung einer Schmerztablette. Für Stunden gaukelt sie mir vor, das Antibiotikum hätte seine Wirkung jetzt endlich entfaltet ...

 

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