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8.
Trekkingtag, Samstag, „Von Pheriche nach Chukhung (4730m)" |
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Tej
und Tendi haben - wohl schon in Namche verständigten wir uns darauf - das
vorgesehene Programm geändert. Ursprünglich sollten wir heute nur kurz bis
Dingboche aufsteigen und dort einen Ruhetag verbringen. Das hätte aber bedeutet
am Folgetag zunächst den langen Anmarsch bis Chukhung und dann
auch noch den Chukhung Ri zu bewältigen. Sinnvoll ist das keinesfalls, summiert sich das doch
auf mindestens 1200 Höhenmeter. Außerdem stünden wir erst gegen
Mittag auf dem Gipfel, bei dann eventuell schon stark ausgeprägter Bewölkung. Also
heute Chukhung erreichen und morgen früh ausgeruht den Gipfel angehen, anschließend noch
Rückmarsch bis Dingboche. Volle
zwei Stunden liegen an diesem kalten und strahlenden Morgen zwischen Aufstehen
und Abmarsch. Das liegt auch daran, dass ich noch mit Georg zur nahe gelegenen
Station der „Himalayan Rescue Association Nepal" laufe, um dort ein
Antibiotikum zu kaufen, mit dem ich die begonnene Behandlung fortsetzen
soll. Georg hat sich bereits gestern Nachmittag bei der Stationsärztin
nach einem Präparat mit demselben Wirkstoff erkundigt. Urlaub hin Urlaub her, ein Arzt ist eben in
jeder Sekunde seines Lebens Arzt! Die kleine Praxis ist noch ohne Patienten.
Es ist kalt in der Station und von der Ärztin fehlt zunächst jede Spur.
Nach mehrmaligem Klopfen und Rufen
Zwar
habe ich mich zur langen Hose durchgerungen, verzichte aber nicht auf ein
kurzes T-Shirt. Sobald die Sonne höher am Himmel stehen wird, erwarte ich
angenehme Temperaturen. Aber erstmal friere ich erbärmlich an den Armen, nein,
eigentlich am ganzen Oberkörper, als sich der Tross um halb zehn endlich in
Natürlich weiß ich, dass wir uns im Jahr 2001 befinden, dass
Mobiltelefone eine Realität darstellen, der Mondflug schon stattfand und zu
Hause auf dem Schreibtisch ein Computer steht. Und doch versetzt mich der
gerade jetzt gebotene Anblick in ein zurückliegendes Jahrhundert: Fünfzig Meter
abseits des Weges, hinter einem niedrigen Mäuerchen steht eine Gruppe von vier
oder fünf einheimischen Frauen und Männern um „etwas" herum und lässt die
Dreschflegel darauf niedersausen. Ja, Dreschflegel, in eben der Form, wie ich
sie bei rustikalen Restaurantbesuchen schon sah und auch in Bauernmuseen in der
Heimat. Was das Mäuerchen noch verbarg und auch der Entfernung wegen undeutlich
blieb, ist nur ein paar Schritte weiter dann direkt vor unserer Nase zu
beobachten. Einen flachen Haufen von Getreide trifft Hieb um Hieb zweier
Frauen. Diese Dreschflegel sind allerdings einfach nur dicke Knüppel. Einer der
Bauern rafft neue Garben zusammen, um sie auf den Haufen zu schichten. Unser
„Lexikon" (Heribert!) übersetzt die von Tej erhaltene englische Bezeichnung,
kennt sich im übrigen auch mit fremden Getreidesorten aus, so dass wir wissen
welche Feldfrüchte hier gedroschen werden: Buchweizen und Gerste. An der
nächsten Wegbiegung, als hätte ein findiger Tourismusmanager das so arrangiert,
sorgt der nächste Arbeitsgang für neuerliche Verzögerung. Eine Frau hält ein
Sieb in ihren Händen mit Spreu und Weizen.
Am
Ende des Dorfes Dingboche suchen die Blicke wieder die Bergriesen am Ende des
sanft aber stetig ansteigenden Tales. Weiße Wände warten dort auf uns. Von
Nuptse und Lhotse war schon die Rede, aber auch den „leichten", im Katalog des
DAV Summit Club angebotenen Island Peak (6189m) zeigt uns Tej. Und zwischen
anderen, nicht so renommierten, macht er uns auch auf den Gipfel des Makalu
aufmerksam, ein weiterer der vierzehn Achttausender dieser Welt.
Zur
Mittagszeit treffen wir auf unsere Träger, die im Windschatten eines riesigen
Felsblockes und neben dem Gletscherbach Imja Khola eine einfache Feuerstelle
aus Steinen eingerichtet haben, um ihr Mittagessen zuzubereiten. Der größere
von zwei Töpfen, voll mit dampfendem Reis, dem „Bhat", steht etwas abseits am
Boden. Auf dem von Reisig genährten Feuer köchelt irgendeine Zutat im kleineren
Topf. „Irgendwas", also vermutlich das übliche „Dhal", die Linsensuppe. In ein
paar Minuten, wenn wir weiter gezogen sind, werden sie sich ihr tägliches „Dhal
Bhat" schmecken lassen. Für unsere eigene Mittagsrast findet sich etwa eine
Stunde später eine mehr wie eine verfallene Hütte wirkender „Gasthof"
am Wegrand. Ein niedriger Tisch mit
Plastikstuhlkreis lädt zum rasten ein. Viel gibt es nicht, immerhin heißen
Lemon Tea und die nun schon hinlänglich bekannte „RARA Noodle Soup" (hab' schon
besser gegessen...). Alles ist
heiß und der reichliche Batzen Nudeln macht auch satt. Dicke Wolken sind
mittlerweile aufgezogen und obwohl die Sonne immer wieder für Minuten durchbricht,
packen sich alle in die Jacken ein und sogar Mützen oder Kapuzen
werden bemüht. Jeder spürt jetzt die Höhe von 4600 Metern auch an der
empfindlich kalten Witterung. Gerne bleiben wir noch sitzen nach dem kurzen
Mahl, dösen vor uns hin, hängen Gedanken nach. Heute ist meine Kondition
schlecht - ein „Anpassungstag" und so bin ich froh, dass erst morgen der Gipfel
ansteht. Es kommt der Augenblick, da
ich das Rumoren und Drängen im Unterleib nicht länger ignorieren kann und
aus dem Bereich der Hütte verschwinde. Hinter Steinen erleichtere ich mich.
Ist diese Bescherung nun vom Antibiotikum ausgelöst worden? Oder ein Anflug von
- na hier würde man sagen - „Buddhas Raache"? Nur eine halbe Stunde später
wiederholt sich der Vorgang. Schon am Vorabend, in der Lodge von Pheriche,
löste sich die zuvor tagelang anhaltende Verstopfung explosionsartig. Noch weiß
ich nicht, dass vier Wochen später, das Ganze immer noch nicht ausgestanden
sein wird, ja noch nicht einmal die Ergebnisse der Laboruntersuchung vorliegen
werden ... Dabei habe ich Glück, verfüge ich doch über einen schon in anderen
exotischen Ländern erprobten, sehr robusten Verdauungstrakt, kann also das
Ganze noch einigermaßen kontrollieren.
Zu
uns gesellt sich im Gastraum nach und nach eine weitere Gruppe. Dazu gehören
auch ein paar reichlich laute, wenn nicht gar vorlaute und überheblich wirkende
„Weiber". Eine nervt besonders, weil sie jeden ihrer schlauen Kommentare so
laut verkünden muss, dass es noch der Letzte mitbekommt. Durch diese überaus
selbstbewusste, blondbezopfte Dame bleibt mir also nicht verborgen, dass diese
DAV-Summit-Club-Gruppe vom Island Peak (6189m) zurück kommt. Und auch der dort
oben offensichtlich schwer erkrankte Sherpa ist leicht mitzuverfolgendes Thema.
Medizinische Termini und diagnostisches Wenn-Dann oder Da-nicht-kann-nicht
werden bemüht. Ich tippe auf Krankenschwestern, eine eindeutig aus Sachsen.
Sachsen wird schon gestimmt haben, mit Krankenschwestern liege ich aber voll
daneben, wie sich bald zeigen wird! Man
hat vor, den kranken, nicht gehfähigen Sherpa bis zur Lodge zu tragen und von
hier mit einem Hubschrauber auszufliegen. Einer ihrer Guides, der wenig später
zur Island-Peak-Gruppe stößt, beruhigt die Gemüter mit der Nachricht, dass die
Company den Hubschrauberflug bezahlen wird. Vielleicht finden es viele „normal",
dass darüber geredet wird. Mir zeigt es - und ich bin davon unangenehm berührt
- dass diese Menschen nicht die geringsste medizinische Hilfe zu erwarten haben,
wenn sie den Weg zu einer Hilfsstation, etwa der in Pheriche, nicht schaffen.
Dieser Sherpa hat einfach Glück, seine Bauchkrämpfe (so was Ähnliches war es
jedenfalls) als Angehöriger einer DAV-Summit-Club-Unternehmung bekommen zu
haben. Der DAV Summit Club will als Unternehmen gelten, das den sanften
Tourismus fördert und fühlt sich seinen Sherpas verpflichtet. Uns schützt zu
Hause ein sozialer Kokon aus Versicherungen, damit wir bei jedem Wehwehchen zum
„Onkel Doktor" rennen können, auch bei Beschwerden, die wir gar nicht hätten,
wenn wir auch nur annähernd so natürlich lebten wie ein Nepalese ... Und sogar
in dieser Wildnis sind WIR nicht verloren, wenn ernsthafte Krankheiten drohen.
Wenn ich die Zahnschmerzen nicht mehr aushalte, dann holt mich ein Hubschrauber
´raus, ich weiß das. 16.30
Uhr, Aufregung in und um die Lodge, der Hubschrauber fliegt ein. Alles rennt
nach draußen. Hat man den Sherpa schon gebracht? Nein, es gibt nichts zu sehen.
Ein ortskundiger Guide steigt zu, dann hebt der Helikopter wieder ab und holt
den Kranken direkt im Basislager des Island Peak ab. Noch einige Minuten Lärm
im Tal, dann ist der Hubschrauber mit dem Kranken davon. Soll
ich nun jedes Mal erwähnen, gleichsam um zu verdeutlichen, in welche
körperliche Bedrängnis ich mehrmals täglich und auch nächtens kam, wenn mich
die Notdurft wieder auf eines dieser entsetzlichen Plumpsklos trieb? Ok nein,
deshalb hier zum letzten Mal, denn natürlich gibt es auch in Chukhung einen
Zurück
im Gastraum, wieder sitzen, reden, zum Lesen zu lustlos. Das Abendessen folgt,
frisch zubereitet und schmackhaft wie immer. Inzwischen empfinden es einige
Fleischesser wie ich allerdings schon als eintönig. Hans-Jörg hat sich zwei
Büchsen gekauft, die eine mit Thunfisch, die andere mit Wurst. Gestern in
Pheriche war das glaube ich und heute unterwegs, anlässlich kurzer Rast, hat er
sich den Fisch mit Jürgen geteilt. Dazu gab es Knäcke von zu Hause. Danach wird
mir eine Frage beantwortet, die ich mir in vielen Jahren ausgedehnter Touren in
den eigenen Bergen immer wieder gestellt habe: „Was sind das für Menschen, die
eine leere, praktisch gewichtslose Dose nicht mit nach Hause nehmen, um sie
dort in ihre Mülltonne zu entsorgen? Wer macht sich die vergleichsweise größere
Mühe, einen Stein anzuheben und das Blechding dort zu verbergen? Nun, es sind
ganz normale Zeitgenossen und wie ich jetzt erlebe, nicht mal die Üblen, die so
was tun. Hans-Jörg lerne ich in den nächsten Tagen noch besser kennen und sogar
ob seiner Ernsthaftigkeit und der angenehmen Art schätzen. Meinen Prinzipien
folgend hätte ich nun den Mund aufmachen müssen und kritisieren. Ich schwieg,
beruhigte mich auch mit einem Gedanken wie „was hätte er denn sonst mit der
stinkenden, öligen Fischbüchse machen sollen?". Bevor ich schnell an was
anderes denken konnte, wusste ich natürlich die Antwort ... Abendessen
vorbei, rumsitzen - von diesem Abend erwarte ich nichts mehr. Doch in keiner
Disziplin bin ich so souverän, wie im Produzieren von Irrtümern. Tendi kommt
auf mich zu und unterrichtet mich von drei (!) Zahnärzten, die zur Island Peak
Truppe gehören sollen. Nur ruhig, das heißt noch gar nichts, sie werden weder
ihren Zahnarztstuhl, noch ihr sonstiges Handwerkszeug dabei haben. Was könnten
sie also tun? Schließlich spricht Tendi mit dem Guide der „Islander", der
seinerseits mit - oh je - den vorlauten Weibern und schließlich erhebt sich die
blondbezopfte Nervensäge von vorhin. Ich tue es ihr gleich, gehe auf sie zu und
schildere meinen Fall. Wie erwartet kann sie nichts handwerklich tun, klärt
mich aber darüber auf, dass mein bisheriges Antibiotikum wirkungslos bleiben
wird, da es nicht „knochengängig" ist, also an die Entzündung gar nicht ran
kommt. Aber sie hat so eins im Gepäck und bringt es mir wenig später. Ich
schlucke eines der dicken, grünen Kapselungeheuer und empfinde - Hoffnung! -
Was für ein toller Abend! Und morgen wird ein wunderbarer Tag! Eine
Stunde später, beim Zähneputzen, mache ich dann eine sensationelle Entdeckung:
Der Aufbissschmerz ist weg! Ich kann Ober- und Unterkiefer zusammenbringen,
ohne Aufschreien zu müssen! Natürlich spüre ich noch, dass da eine Entzündung
ist aber so schnell Linderung!? Das ist jetzt wirklich die Rettung - oder? Ich
schmeiß mir zur Sicherheit, um schnell einschlafen zu können, noch eine
Schmerztablette ein und will dann frohgemut wegdämmern. Nach einiger Zeit ist
die Wirkung überfällig. Insgesamt drei Tabletten nehme ich in rascher Folge,
bis ich nach schier endlosem Wachen und immer wieder Aufsitzen im engen
Schlafsack wegnicke. Zuvor merke ich, dass da etwas im Oberkiefer vorgeht, nur
verstehe ich nicht was. |
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