Gibt
es bevorzugte erste Gedanken nach dem Aufwachen? Zum Beispiel an was Schönes,
wenn man vor dem Einschlafen „gut drauf war“ oder eher dunkle, wenn Sorgen die
letzten Signale im Bewusstsein waren? - Mir steht heute jedenfalls sofort die
Frage nach dem Zahn im Sinn, schon tastet die Zunge, beiße ich vorsichtig zu.
Tatsächlich Ruhe, es tut nicht mehr weh! Aber was ist das? Ich fühle, dass
meine Wange geschwollen ist und der Oberkieferknochen weh tut. Ab jetzt werde
ich vier, fünf Tage ein bisschen „doof“ aussehen, nur ist mir das absolut
gleichgültig. Um die Zahn-Story hier abzuschließen: In Kathmandu ist mein
Gesicht wieder symmetrisch, Schmerzen werde ich keine mehr spüren, der Spuk ist
vorbei! Ich weiß nicht, ob und wie ich die Tour ansonsten überstanden hätte.
Mein Zahnarzt zu Hause erklärt mir später, dass von dem Moment an, da sich der
Entzündungsherd einen Weg von der Zahnwurzel in die Wange geschaffen hatte,
eben als die Backe anschwoll, auch das andere Antibiotikum gewirkt hätte...
Wir
sind sehr früh aufgestanden und schon um sieben Uhr beginnt der Aufstieg zum
Chukhung Ri. Hinter der Lodge überschreiten wir einen kleinen Gletscherbach,
halten einige Minuten Spur in einem Trampelpfad durch kleinwüchsiges Buschwerk und
steigen dann steil hinauf. Sandige Serpentinen lassen uns schon kurze Zeit
später mächtig schnaufen. Tej legt aber immer wieder Ruhe- und Umherschaupausen
ein. Mein Puls erholt sich jeweils schnell. Überhaupt ist dieser Aufstieg nicht
vergleichbar mit der totalen „Viecherei" damals in Ecuador. Die Höhe ist hier
dieselbe, die Höhendifferenz sogar noch größer und doch fühle ich mich keinen
Moment schwach. Akklimatisation ist alles! Damals war sie wenig bis gar nicht
vorhanden. Wieder schenkt uns die Tour einen wolkenlosen, windstillen
Tagesbeginn - jeden Tag bestes Trekkingwetter, kann das sein? Wie lange noch? -
Alle sind warm eingepackt, nachts fällt das Thermometer hier oben ziemlich
tief. Wie tief? Ich weiß es nicht, wir haben nie eines gesehen. Wir steigen in
der Sonne und schon nach wenigen Minuten verschwinden die äußeren „Häute" in
den Rucksäcken. Auch „Schorsch" (Georg) und „Papa" (Heribert) sind dabei, die
am Vorabend wegen höhenbedingter Beschwerden noch unsicher waren. Georg klagte
über Übelkeit und Kopfschmerzen, Heribert fühlte sich allgemein nicht wohl. |
 |
|
Auf dem Weg zum Chukhung Ri: Die Ama Dablam grüßt herüber! |
|
Zügig
kommt die Gruppe voran. Die von Tej verordneten „Trinkenpausen" werden mir
zunehmend lästig, weil sie zwar zum Luftholen willkommen sind, mich aber auch
schnell auskühlen lassen. Der Blick streift über das Tal mit den Lodges hinüber
zur berückend schönen Ama Dablam. Grell gleißen ihre weißen Steilhänge im
Morgenlicht. Wohin das Auge blickt eisige Wände, beeindruckende Gipfel. Dann
wird der Weg flacher, führt durch grasige Hänge. Ein weiter Sattel verbindet
Chukhung Ri mit Chukhung, ein Ort der Entscheidung. Wer begnügt sich mit dem
noch cirka fünfzehn Minuten entfernten „Ri" und wer hat Lust, sich noch ein
bisschen länger zu schinden? Wie Lars, Günther, Olaf und Matthias wähle ich die
sportliche Variante der zusätzlichen dreihundert Höhenmeter. Matthias muss da
unbedingt ´rauf, obwohl ihm schon der Rucksack zu schwer ist, den lässt er sich
von Tendi tragen. Fast zu einfach war´s bisher, zu wenig Mühe, also keine
Frage, dass der sportliche Ehrgeiz mich höher treibt. Sinnlos zwar, vielleicht
sogar gefährlich dumm, aber ich möchte zuerst oben sein und beschleunige meine
Schritte. Vorneweg, knapp unterhalb des Grates suche ich mir einen Weg zwischen
Blöcken und Platten, meist sind Steigspuren reichlich vorhanden. Der Chukhung
erinnert mich an viele ähnliche Gipfel in den Alpen. Nach 45 Minuten ist es
geschafft. Ein überreich mit Gebetsfahnen geschmückter Steinmann thront auf dem
Gipfel. Glücksgefühle lassen für kurze Zeit keinen vernünftigen Gedanken zu, nie
für möglich gehaltene Ausblicke tun ein übriges. Aber der Stolz auf die eigene
Leistung bröckelt schnell, wendet man sich dem Massiv von Nuptse und Lhotse zu.
Ich glaube nach dem Achttausender greifen zu können. Wie soll ich hier die
Dimensionen dieses Giganten erfassbar machen? Ich stehe knapp unter
Sechstausend Meter und doch zwingt der Blick auf den Lhotsegipfel meinen Kopf in
den Nacken! Ich bin jetzt hier oben und kann es kaum fassen ...
 |
Natürlich
versinke auch ich jetzt in einen Fotografierrausch, alleine vor dem Gipfel, mit
der ganzen Gruppe am Gipfel, rings umher, Schuss um Schuss. Das muss ganz
einfach sein und dokumentiert auch die Kapitulation vor dem Unfassbaren und die
Unfähigkeit des Gedächtnisses den gebotenen Rundblick zu bewahren. Mehrfach schweift
der Blick hinüber zum wenig tiefer gelegenen Chukhung Ri. Dort stehen ein paar
Zwerge auf dem Gipfel, gut auszumachen vor dem Weiß der Wolken. Ich weiß, einer
der Zwerge ist meine Frau... |
|
Höchster Punkt dieses Trekks 5833m, der Gipfel des unbedeutenden Chukhung |
| Klicke auf die Kamera für einen Link mit Bildern und sogar Videos! |
Die
Zeit ist um, selten fiel es mir so schwer einen erreichten Gipfel zu verlassen.
Einmal entschlossen, möchte ich dann schnell zurück zu Ines, es ist einfach so ein Gefühl,
dessen Herkunft unbestimmbar bleibt. Ich nehme meine Stöcke und mit der Routine
vieler heimischer Gipfel bin ich in zwanzig Minuten bei ihr auf dem Sattel.
Aber das ist hier kein heimischer Gipfel und deshalb sind meine Beine jetzt
weich wie Gummi. Ich gestehe mir ein, solche Aktionen sind hier oben unklug und
nehme mir vor sie künftig zu unterlassen. Ines ist zum ersten Mal auf einer
solchen Höhe. Von einer leichten Erkältung mit Husten abgesehen, hat sie keine
Probleme. Offen gestanden habe ich es auch nicht anders erwartet, bisher hat
sie noch jede körperliche Herausforderung gemeistert. |
 |
Der
Abstieg wird durch einige Pausen unterbrochen, Gelegenheit, die nach wie vor
ausgezeichnete Fernsicht zu genießen. Die faszinierende Ama Dablam (6856m)
setzt sich nach Osten in einen eisbewehrten Kamm fort, aus dem der Schild des
völlig vergletscherten Kali Himal (7057m) ragt. Nicht zum ersten Mal
registriere ich bei diesem Abstieg die Trockenheit hier oben. Der Wind bläst
uns Staub und Sand entgegen, den die Füße der Vorderleute am Schlusshang
aufwirbeln. Auf den Rucksäcken bildet sich eine dichte Staubschicht. |
 |
|
Blick zum Chukhung Ri mit dem zweiten Teil der Gruppe |
Es
ist halb eins, alle sind müde und hungrig. Im Gastraum treffen wir auf unsere
einen Tag verzögerte Parallelgruppe, die vor kurzem eintraf. Bei Cola und
Potatoe Chips gibt’s Nachrichtenaustausch, wobei in unseren Stimmen sicher ein
wenig das gehabte Gipfelglück mitschwingt. Bei der anderen Gruppe fehlt ein
Teilnehmer. Er musste mit einer üblen Erkältung und Schüttelfrost schon in
Namche zurück bleiben und wartet dort auf die Gruppe. Keiner von uns kann sich
vorstellen, wie man zwei Wochen in Namche „überleben" kann,
 |
ohne vor Langeweile
dem Wahnsinn zu verfallen. Dazu der Frust der entgangenen Tour. Ich preise mich
glücklich, mit meiner dicken Backe und überstandenem Schmerz.
Der
Rückweg ist eine Pflichtübung über den bekannten Anstiegsweg. Gelangweilt, ohne
Sicht auf die Berge, spüre ich jetzt mit jeder Minute mehr, wie viel Kraft mir
der Chukhung genommen hat. Seltsam, jene, die bisher immer hinterher „krebsten", sind
nun ungeduldig und eilig an der Spitze. So zieht sich die Gruppe in die Länge,
bis Kopf und Schwanz sich aus den Augen verlieren. Tej, der bei Ines und mir am
Ende marschiert, nimmt's mit Gleichmut,
zumindest erkenne ich keinerlei Zeichen von Genervtheit. Auch nicht, als Ines
und ich mal wieder nacheinander hinter die Felsen verschwinden und so eine
weitere Viertelstunde vergeht. Und immer noch nicht, als ihm plötzlich
einfällt, dass er in der Lodge vergaß den Voucher für die Gruppe abzugeben. Er
eilt einer Yak-Gruppe hinterher, die uns vor kurzem in Richtung Lodge entgegen
kam und dort wird er den Wisch los. |
Ich stehe auf fast 6000 Metern und muss den Kopf in den Nacken legen! Der Lothse 8414m! |
Die
letzten Kilometer trotten wir Dingboche entgegen. Ich bin sicher, alle sehnen
die Lodge herbei. Heute sind die rooms recht großzügig bemessen und verfügen
über große Fenster. Ein bisschen Wohlbefinden keimt auf und das werde ich
gleich ins Komfortabelste steigern: Über Tej melde ich für Ines und mich eine
Dusche an! Oder haben wir etwa keine Belohnung verdient nach diesem
anstrengenden Tag? Es wird übrigens die letzte Dusche sein bis Kathmandu. Es
verlangt mich später einfach nicht mehr danach - erstaunlich aber wahr.
Vor
und nach dem Abendessen „hänge" ich ziemlich teilnahmslos im Gastzimmer der
Lodge „ab". Auch die wohltuende Dusche kann nicht übertünchen, dass der Tag die
Kräfte erschöpft hat. Außerdem verbreiten die winzigen Funzeln an der Decke
nicht wirklich Helligkeit, das macht zusätzlich müde. Tej sitzt nach dem Essen
neben mir und unterhält sich mit Lars über seine Bemühungen die deutsche
Sprache zu lernen. Aus dem Rucksack zerrt und nestelt er seine Lehrbücher. Wie
sich herausstellt ziemlich untaugliche Hilfsmittel, eine hochgestochene Grammatik
und ein Wörterbuch Englisch-Deutsch. „Papa" empfiehlt ihm simple Lektüre
zur Verbesserung seiner Deutschkenntnisse. Lars schnappt sich den Dictionary
und beginnt Tej auszufragen: Er gibt einen englischen Ausdruck vor und Tej müht
sich um die deutsche Vokabel...
 |
| Die Fotomontage macht´s möglich:
Vom Kali Himal 7057m (links im Bild) streift der Blick herüber zur Ama Dablam 6856m |
Dunkel
und vor allem kalt sind die Oktobernächte im Himalaya. Zwingt menschliches
Rühren mich nächtens vor die Tür, dann spannt sich über allem ein
unvergleichlich funkelnder Sternenhimmel. Kein atmosphärischer Schmutz, kein
Restlicht, nicht mal hohe Luftfeuchtigkeit filtert hier oben Sterne aus. Was in
dieser anderen Welt ist eigentlich nicht extrem?
|