9. Trekkingtag, „Besteigung der Chukhung-Gipfel und Abstieg bis Dingboche (4410m)"


 

Gibt es bevorzugte erste Gedanken nach dem Aufwachen? Zum Beispiel an was Schönes, wenn man vor dem Einschlafen „gut drauf war“ oder eher dunkle, wenn Sorgen die letzten Signale im Bewusstsein waren? - Mir steht heute jedenfalls sofort die Frage nach dem Zahn im Sinn, schon tastet die Zunge, beiße ich vorsichtig zu. Tatsächlich Ruhe, es tut nicht mehr weh! Aber was ist das? Ich fühle, dass meine Wange geschwollen ist und der Oberkieferknochen weh tut. Ab jetzt werde ich vier, fünf Tage ein bisschen „doof“ aussehen, nur ist mir das absolut gleichgültig. Um die Zahn-Story hier abzuschließen: In Kathmandu ist mein Gesicht wieder symmetrisch, Schmerzen werde ich keine mehr spüren, der Spuk ist vorbei! Ich weiß nicht, ob und wie ich die Tour ansonsten überstanden hätte. Mein Zahnarzt zu Hause erklärt mir später, dass von dem Moment an, da sich der Entzündungsherd einen Weg von der Zahnwurzel in die Wange geschaffen hatte, eben als die Backe anschwoll, auch das andere Antibiotikum gewirkt hätte...

 

Wir sind sehr früh aufgestanden und schon um sieben Uhr beginnt der Aufstieg zum Chukhung Ri. Hinter der Lodge überschreiten wir einen kleinen Gletscherbach, halten einige Minuten Spur in einem Trampelpfad durch kleinwüchsiges Buschwerk und steigen dann steil hinauf. Sandige Serpentinen lassen uns schon kurze Zeit später mächtig schnaufen. Tej legt aber immer wieder Ruhe- und Umherschaupausen ein. Mein Puls erholt sich jeweils schnell. Überhaupt ist dieser Aufstieg nicht vergleichbar mit der totalen „Viecherei" damals in Ecuador. Die Höhe ist hier dieselbe, die Höhendifferenz sogar noch größer und doch fühle ich mich keinen Moment schwach. Akklimatisation ist alles! Damals war sie wenig bis gar nicht vorhanden. Wieder schenkt uns die Tour einen wolkenlosen, windstillen Tagesbeginn - jeden Tag bestes Trekkingwetter, kann das sein? Wie lange noch? - Alle sind warm eingepackt, nachts fällt das Thermometer hier oben ziemlich tief. Wie tief? Ich weiß es nicht, wir haben nie eines gesehen. Wir steigen in der Sonne und schon nach wenigen Minuten verschwinden die äußeren „Häute" in den Rucksäcken. Auch „Schorsch" (Georg) und „Papa" (Heribert) sind dabei, die am Vorabend wegen höhenbedingter Beschwerden noch unsicher waren. Georg klagte über Übelkeit und Kopfschmerzen, Heribert fühlte sich allgemein nicht wohl.

Sie begeistert: Ama Dablam 6856m
Auf dem Weg zum Chukhung Ri: Die Ama Dablam grüßt herüber!

 

Zügig kommt die Gruppe voran. Die von Tej verordneten „Trinkenpausen" werden mir zunehmend lästig, weil sie zwar zum Luftholen willkommen sind, mich aber auch schnell auskühlen lassen. Der Blick streift über das Tal mit den Lodges hinüber zur berückend schönen Ama Dablam. Grell gleißen ihre weißen Steilhänge im Morgenlicht. Wohin das Auge blickt eisige Wände, beeindruckende Gipfel. Dann wird der Weg flacher, führt durch grasige Hänge. Ein weiter Sattel verbindet Chukhung Ri mit Chukhung, ein Ort der Entscheidung. Wer begnügt sich mit dem noch cirka fünfzehn Minuten entfernten „Ri" und wer hat Lust, sich noch ein bisschen länger zu schinden? Wie Lars, Günther, Olaf und Matthias wähle ich die sportliche Variante der zusätzlichen dreihundert Höhenmeter. Matthias muss da unbedingt ´rauf, obwohl ihm schon der Rucksack zu schwer ist, den lässt er sich von Tendi tragen. Fast zu einfach war´s bisher, zu wenig Mühe, also keine Frage, dass der sportliche Ehrgeiz mich höher treibt. Sinnlos zwar, vielleicht sogar gefährlich dumm, aber ich möchte zuerst oben sein und beschleunige meine Schritte. Vorneweg, knapp unterhalb des Grates suche ich mir einen Weg zwischen Blöcken und Platten, meist sind Steigspuren reichlich vorhanden. Der Chukhung erinnert mich an viele ähnliche Gipfel in den Alpen. Nach 45 Minuten ist es geschafft. Ein überreich mit Gebetsfahnen geschmückter Steinmann thront auf dem Gipfel. Glücksgefühle lassen für kurze Zeit keinen vernünftigen Gedanken zu, nie für möglich gehaltene Ausblicke tun ein übriges. Aber der Stolz auf die eigene Leistung bröckelt schnell, wendet man sich dem Massiv von Nuptse und Lhotse zu. Ich glaube nach dem Achttausender greifen zu können. Wie soll ich hier die Dimensionen dieses Giganten erfassbar machen? Ich stehe knapp unter Sechstausend Meter und doch zwingt der Blick auf den Lhotsegipfel meinen Kopf in den Nacken! Ich bin jetzt hier oben und kann es kaum fassen ...

Der Chukhung 5833m, im wahrsten Sinne ein Höhepunkt!

Natürlich versinke auch ich jetzt in einen Fotografierrausch, alleine vor dem Gipfel, mit der ganzen Gruppe am Gipfel, rings umher, Schuss um Schuss. Das muss ganz einfach sein und dokumentiert auch die Kapitulation vor dem Unfassbaren und die Unfähigkeit des Gedächtnisses den gebotenen Rundblick zu bewahren. Mehrfach schweift der Blick hinüber zum wenig tiefer gelegenen Chukhung Ri. Dort stehen ein paar Zwerge auf dem Gipfel, gut auszumachen vor dem Weiß der Wolken. Ich weiß, einer der Zwerge ist meine Frau...

Höchster Punkt dieses Trekks 5833m, der Gipfel des unbedeutenden Chukhung

 

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Die Zeit ist um, selten fiel es mir so schwer einen erreichten Gipfel zu verlassen. Einmal entschlossen, möchte ich dann schnell zurück zu Ines, es ist einfach so ein Gefühl, dessen Herkunft unbestimmbar bleibt. Ich nehme meine Stöcke und mit der Routine vieler heimischer Gipfel bin ich in zwanzig Minuten bei ihr auf dem Sattel. Aber das ist hier kein heimischer Gipfel und deshalb sind meine Beine jetzt weich wie Gummi. Ich gestehe mir ein, solche Aktionen sind hier oben unklug und nehme mir vor sie künftig zu unterlassen. Ines ist zum ersten Mal auf einer solchen Höhe. Von einer leichten Erkältung mit Husten abgesehen, hat sie keine Probleme. Offen gestanden habe ich es auch nicht anders erwartet, bisher hat sie noch jede körperliche Herausforderung gemeistert.

Der Abstieg wird durch einige Pausen unterbrochen, Gelegenheit, die nach wie vor ausgezeichnete Fernsicht zu genießen. Die faszinierende Ama Dablam (6856m) setzt sich nach Osten in einen eisbewehrten Kamm fort, aus dem der Schild des völlig vergletscherten Kali Himal (7057m) ragt. Nicht zum ersten Mal registriere ich bei diesem Abstieg die Trockenheit hier oben. Der Wind bläst uns Staub und Sand entgegen, den die Füße der Vorderleute am Schlusshang aufwirbeln. Auf den Rucksäcken bildet sich eine dichte Staubschicht.

Blick hinüber zum Chukhung Ri 5550m
Blick zum Chukhung Ri mit dem zweiten Teil der Gruppe

 

Es ist halb eins, alle sind müde und hungrig. Im Gastraum treffen wir auf unsere einen Tag verzögerte Parallelgruppe, die vor kurzem eintraf. Bei Cola und Potatoe Chips gibt’s Nachrichtenaustausch, wobei in unseren Stimmen sicher ein wenig das gehabte Gipfelglück mitschwingt. Bei der anderen Gruppe fehlt ein Teilnehmer. Er musste mit einer üblen Erkältung und Schüttelfrost schon in Namche zurück bleiben und wartet dort auf die Gruppe. Keiner von uns kann sich vorstellen, wie man zwei Wochen in Namche „überleben" kann,

Gigantisch, fantastisch, einmalig: Der Lothse!

ohne vor Langeweile dem Wahnsinn zu verfallen. Dazu der Frust der entgangenen Tour. Ich preise mich glücklich, mit meiner dicken Backe und überstandenem Schmerz.

 

Der Rückweg ist eine Pflichtübung über den bekannten Anstiegsweg. Gelangweilt, ohne Sicht auf die Berge, spüre ich jetzt mit jeder Minute mehr, wie viel Kraft mir der Chukhung genommen hat. Seltsam, jene, die bisher immer hinterher „krebsten", sind nun ungeduldig und eilig an der Spitze. So zieht sich die Gruppe in die Länge, bis Kopf und Schwanz sich aus den Augen verlieren. Tej, der bei Ines und mir am Ende marschiert,  nimmt's mit Gleichmut, zumindest erkenne ich keinerlei Zeichen von Genervtheit. Auch nicht, als Ines und ich mal wieder nacheinander hinter die Felsen verschwinden und so eine weitere Viertelstunde vergeht. Und immer noch nicht, als ihm plötzlich einfällt, dass er in der Lodge vergaß den Voucher für die Gruppe abzugeben. Er eilt einer Yak-Gruppe hinterher, die uns vor kurzem in Richtung Lodge entgegen kam und dort wird er den Wisch los.

Ich stehe auf fast 6000 Metern und muss den Kopf in den Nacken legen!
Der Lothse 8414m!

 

Die letzten Kilometer trotten wir Dingboche entgegen. Ich bin sicher, alle sehnen die Lodge herbei. Heute sind die rooms recht großzügig bemessen und verfügen über große Fenster. Ein bisschen Wohlbefinden keimt auf und das werde ich gleich ins Komfortabelste steigern: Über Tej melde ich für Ines und mich eine Dusche an! Oder haben wir etwa keine Belohnung verdient nach diesem anstrengenden Tag? Es wird übrigens die letzte Dusche sein bis Kathmandu. Es verlangt mich später einfach nicht mehr danach - erstaunlich aber wahr.

 

Vor und nach dem Abendessen „hänge" ich ziemlich teilnahmslos im Gastzimmer der Lodge „ab". Auch die wohltuende Dusche kann nicht übertünchen, dass der Tag die Kräfte erschöpft hat. Außerdem verbreiten die winzigen Funzeln an der Decke nicht wirklich Helligkeit, das macht zusätzlich müde. Tej sitzt nach dem Essen neben mir und unterhält sich mit Lars über seine Bemühungen die deutsche Sprache zu lernen. Aus dem Rucksack zerrt und nestelt er seine Lehrbücher. Wie sich herausstellt ziemlich untaugliche Hilfsmittel, eine hochgestochene Grammatik und ein Wörterbuch Englisch-Deutsch. „Papa" empfiehlt ihm simple Lektüre zur Verbesserung seiner Deutschkenntnisse. Lars schnappt sich den Dictionary und beginnt Tej auszufragen: Er gibt einen englischen Ausdruck vor und Tej müht sich um die deutsche Vokabel...

Blick vom Chukhung nach Süden
Die Fotomontage macht´s möglich: Vom Kali Himal 7057m (links im Bild) streift der Blick herüber zur Ama Dablam 6856m

 

Dunkel und vor allem kalt sind die Oktobernächte im Himalaya. Zwingt menschliches Rühren mich nächtens vor die Tür, dann spannt sich über allem ein unvergleichlich funkelnder Sternenhimmel. Kein atmosphärischer Schmutz, kein Restlicht, nicht mal hohe Luftfeuchtigkeit filtert hier oben Sterne aus. Was in dieser anderen Welt ist eigentlich nicht extrem?

 

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