10. Trekkingtag, „Von Dingboche nach Lobuche (4910m)"


Drei Eindrücke zu Beginn dieses Tages sind mir im Gedächtnis geblieben: Da hängt ein übler Geruch im Eingangsbereich der Lodge. Meine Witterung und der suchende Blick finden Tejs Schuhe und Strümpfe, die da wohl die ganze Nacht vor sich hin gequalmt haben. Dann erinnere ich mich an die Kälte beim Frühstück im Speisesaal der Lodge, die einen den eigenen Atem sehen lässt und Vermummung nötig macht. Und schließlich wieder der ekstatisch blaue Himmel mit einer Morgensonne, die alles in den intensivsten Farben aufscheinen lässt.

Morgen in Dingboche
Die tiefstehende Morgensonne taucht alles in satte Farben.
Thamserku 6608m (rechts) und Kangtega 6685m ragen hinter der Lodge auf.
Der Stupa von Dingboche

Der Marsch führt uns gleich hinter der Lodge, auf einem Hügel, zu einem der am herrlichsten gelegenen Stupas dieser Berge. Ich bin sicher die schönste Perspektive für ein Foto gefunden zu haben, die das Heiligtum und seine flatternden Gebetswimpel in Beziehung zum Lhotsemassiv setzen wird.

Mit dem Lothse als Kulisse - ein schönerer Standort für den Stupa ist nicht vorstellbar!

Allerdings wird meine Geduld auf eine harte Probe gestellt, ein bisschen zu hart, wie sich heraus stellt. Olaf und Matthias rennen endlos lange mitten im Motiv herum, knipsen hier, fotografieren da. Es nervt. Als Matthias dann gar kein Ende finden will, kann ich mir eine derbe Bemerkung nicht mehr verkneifen, die davon handelt, ob sie „ihre Ärsche nicht endlich mal da weg bewegen können“... Na und das tut er dann auch unter entsprechendem Maulen. Ich schieße mein Foto und hole zunächst Tendi ein, der ein Stück weit oberhalb gewartet hat. Ines sagt mir, dass mein verbaler Ausbruch wohl ein bisschen überzogen war, eine Ansicht der ich innerlich schon lange zugestimmt habe.

 

Die Karawane zieht weiter von Dingboche nach Lobuche

Nachdem der Hügel vollständig „genommen“ ist, beginnt eine Wanderung auf der grasbewachsenen Stufe oberhalb Pheriche, entlang eines fantastischen Panoramaweges. Etwa drei Kilometer sanft bergan, in Richtung des oberen Khumbu. An einem aufgelassenen Gehöft (vielleicht ist auch im Moment nur niemand da, wer kann das schon so genau unterscheiden?) lässt Tej uns rasten. Dankbar sinke ich neben Ines auf einen Mauerrest, genieße meinen Tee und die Aussicht zum direkt gegenüber liegenden Taboche (6367m) und seinen beiden mächtigen Nachbarn Cholatse (6335m) sowie Arakam Tse (6423m). Verstohlen mustere ich die Anderen. Spüren sie gleich mir heute diese Schwäche? Fühle ich den Chukhung in meinen Beinen oder braucht mein Körper wieder einen Anpassungstag?

 

Tja, der eigene Körper ist mir schon manchmal fremd, da passiert manches, das ich so nicht kenne. Und ich habe zu akzeptieren, dass ich keine Antworten auf die meisten Fragen bekomme: „Sind die Kopfschmerzen, die ich jeden Morgen habe, höhenbedingt oder Ursache von zu viel Schlaf (hier muss ich 8, 9 Stunden pennen, zu hause brauche ich nur 5 bis 6), schlechtem Schlaf, beengtem Schlaf im Schlafsack?“ - „Ist die immer wiederkehrende Schwäche eine leichte Form der Höhenkrankheit oder sind andere Umweltfaktoren dafür verantwortlich?“ - „Hätte ich die Zahnschmerzen auch zu Hause bekommen oder war die Höhe ursächlich für deren Ausbrechen?“ - „Kommt „Buddhas Rache“ vom eingeworfenen Antibiotikum oder reagiert meine Verdauung in dieser Form auf das fremde Essen, auf die exotische Bakterienbevölkerung im Himalaya?“ - Ich bin auf Vermutungen angewiesen, belehrende Schlussfolgerungen für Himalayareisende verkneif ich mir daher. Fest steht jedoch - und das bestätigen auch die anderen - dass man auf jeden Fall mit der einen oder anderen ungewohnten Reaktion der eigenen Physis rechnen muss. Kopfweh, Unwohlsein, Verstopfung, Durchfall, Erkältung, Halsschmerzen, Husten, Schnupfen, Zahnschmerzen - all diese Rebellionen eines überforderten, nicht oder noch nicht in jeder Hinsicht angepassten Körpers waren in einer Kleingruppe von nur zehn Leuten reichlich vertreten.

Und in der einen oder anderen Form traf es jeden. Sich hierher ohne oder mit ungenügend ausgestatteter Reiseapotheke zu wagen, halte ich nach meinen Erfahrungen und dem was ich bei anderen sah, für sehr leichtsinnig. Dabei geht es nicht um Halsschmerztabletten oder Beruhigungsmittel für besseren Schlaf. Auf keinen Fall werde ich mich je wieder außerhalb der Reichweite adäquater ärztlicher und zahnärztlicher Betreuung ohne Antibiotikum aufhalten! Mir half nur der Zufall in Form von trekkenden Medizinern und Zahnärzten.

Taboche Peak 6367m
Er ist schon eine Bergschönheit allererster Güte, der Taboche!

 

Insgesamt vergeht noch eine gute Stunde, bevor wir kurz hinter der Brücke über den Lobuche Khola die Lodge von Dughla (4620m) erreichen. Mittagspause ist angesagt, denn sofort hinter der Lodge beginnt der steile Anstieg zum Thokla Pass (4830m) und bis Lobuche lädt auch kein Gasthof mehr zum Rasten ein. Elf Uhr ist es erst. Das ist aber nicht der Grund, warum ich keinen Hunger habe und mich mit einer RARA Noodle Soup als Pflichtübung begnüge. Ich fühle mich einfach mies und hänge in meinem weißen Plastikstuhl herum, bis es wieder weiter geht, nach reichlich einer Stunde. Da heißt es die zum Trocknen ausgelegten Strümpfe und das Handtuch einsammeln, am Rucksack festmachen und dem Zweihundert-Meter-Hang den Kampf ansagen. Alleine sind wir hier wahrlich nicht, Hunderte von Trekkern, Trägern, mit schweren Lasten und Yaktreibern mit ihren Tieren, keuchen gleich uns diesen mit Felsen jeder Größenordnung durchsetzten Hang hinauf, oder kommen uns entgegen. Ein ums andere Mal bringen wir uns vor den fell- und materialbepackten Kolossen des Himalaya in Sicherheit. Yaks sind friedfertige Viecher, sehr sicher auf ihrem Weg aber mit der ausladenden Fracht, die ihnen auf einem Holzgestell über den Rücken geschnallt ist, könnten sie einen schon umreißen. Und irgendwie wissen sie auch, dass Menschen schwächer sind (klüger?) und sowieso ausweichen ...

 

Versprochen wurde uns am Pass eine Reihe von Chörten, jede eine Erinnerung an einen Sherpa, der am Berg umgekommen ist und das Scott Fisher Memorial. Scott Fisher, einer der berühmtesten Bergsteiger der Welt, starb im Mai 1996 zusammen mit Rob Hall und einigen anderen in einem Sturm am Mount Everest. Es war eine der schlimmsten Katastrophen, die es je an diesem  Berg gegeben hat. Also Grab- und Denkmale waren versprochen, Besinnung erwartet worden. Aber eigentlich müsste ich es inzwischen ja schon besser wissen: Jede Anstrengung wird hier doch mit Schönheit, Erhabenheit, beeindruckenden Weitblicken belohnt. Wieder so ein wunderschöner Ort, an dem die Kamera mehr Arbeit bekommt. Hier schießen wir auch das einzige Foto, auf dem die komplette Gruppe, beide Guides und unsere Träger vereint sind. Der Ort kostet Zeit. Viele Fotos sind zu machen, gegen Ama Dablam (hat diese Bergschönheit eigentlich eine unattraktive Ansicht?), von den Chörten, vom Memorial, Erinnerungsschnappschüsse.

Die Gruppe Kala Pattar II

„Kannst du mal von dort drüben ein Bild von mir machen?" fragt mich Georg. Klar kann ich, steige auch noch diese paar Höhenmeter auf den Rücken mit den Chörten, um „Schorsch" vor der Ama Dablam zu verewigen... Derweil wartet Tej vor dem Platz an dem das Gruppenfoto gelang und baut Steinmännchen, die hier zahlreich das Plateau verschönern. Manchmal hat er etwas kindlich Jungenhaftes. Er lacht oft, viel und herzlich und ist meist zu Scherzen aufgelegt.

2 Guides, 6 Träger und 10 Trekker, Interessengemeinschaft auf Zeit

 

Wir haben unsere Wanderung nur ein paar Minuten fortgesetzt und eine Geländeerhebung links umgangen, als der Zug schon wieder ins Stocken gerät und staunend stehen bleibt. Jetzt ist ein erster Blick bis zum Schluss des oberen Khumbu möglich, wo Pumori (7165m), Lingtren (6749m), Khumbutse (6665m) und Nuptse (7861m) einen unüberwindlichen Riegel bilden. Die herrliche Eispyramide des Pumori beherrscht die Szenerie und es will einem nicht in den Kopf, dass vor wenigen Tagen fünf Spanier dort gestorben sind ...

 

Eine halbe Stunde weiter erreichen wir dann Lobuche. Kein Ort, einfach eine Ansammlung von ein paar Lodges und Zeltplätzen, die ihren Namen vom gleichnamigen Berg (6119m) hat, dessen Hänge sich gleich hinter den Gebäuden erheben. Eine Weile schon frage ich mich, wo der berühmt berüchtigte Khumbu-Gletscher ist. Auf der Karte fließt er unweit Lobuche vorbei. Aber seine etwa fünfzig Meter hoch aufgeworfene Moräne lässt keine Einblicke zu. Morgen, während des vorgesehenen Ruhetages, ist auch eine Wanderung entlang des Moränenkammes vorgesehen. Natürlich wäre jetzt - fünfzehn Uhr haben wir erst - noch eine kleine Stippvisite möglich, allein mir fehlen Kraft und Lust dazu. Ausruhen scheint mir wichtiger. Unsere Lodge für diese, die folgende und eine Nacht auf dem Rückweg, ist die einzige mit einem Gemeinschaftsschlafraum. Heute sind wir die einzigen Gäste. Ines und ich können uns daher auf der unteren Etage der doppelstöckig angelegten Schlafstelle breit machen.

 

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