11. Trekkingtag,
„Ruhetag in und um Lobuche"


 

Ruhetag bedeutet Schlafverlängerung bis 7.30 Uhr. Nach dem Frühstück ist eine gemütliche Wanderung zu einer nahegelegenen, italienischen Forschungsstation geplant. Anschließend soll die Erkundung des Khumbugletschers folgen. Jeden Morgen findet derselbe Aufmarsch der Thermos- und Trinkflaschen auf einem der Tische im Gastraum statt: So bald genügend „Hot Water" vom Kerosinkocher verfügbar ist, füllen Tej, Tendi und die Lodgebesatzung Behälter um Behälter. Dem folgt das eigene Hantieren mit Teebeuteln, möglichst in Handschuhen oder mit weit über die Hände gezogenen Ärmeln, weil man sich sonst an den Alu-Flaschen fürchterlich die Finger verbrennt. Ab Tengboche etwa, stiegen alle vom kalten „Mineral Water" auf den warmen Tee um. Tej riet uns dringend dazu, weil es die Gefahr sich zu erkälten etwas reduziert.

Lobuche ist kein Dorf, lediglich ein Trekkingstützpunkt

Zuerst ist der Bach zu überqueren und dabei wird verständlich, warum die Lodge-Ansammlung ausgerechnet an dieser Stelle, unterhalb des Lobuche entstand. Der Bach entspringt etwa dreißig Meter abseits am Fuß eines breiten Steinhügels. Ganzjährig frisches Quellwasser in ausreichender Menge ist die wichtigste Voraussetzung für Gasthöfe in dieser Höhe. Wir folgen dem Weg durch eine Enge zwischen der Gletschermoräne und den Ausläufern des Lobuche, bis nach links ein Weg in ein Tälchen abzweigt.

Lobuche, nichts als eine Ansammlung von Lodges und Zeltplätzen

 

Schon nach zwei, drei Minuten öffnet sich ein kleiner Talkessel und präsentiert Überraschendes: Bergwärts haben wir den stark zerklüfteten, wenn auch nicht sehr großen Gletscherbruch des Lobuche vor uns. Oder sieht er nur so überschaubar aus, weil eine Bezugsgröße fehlt? Rechts vom Weg, am Kesselrand wurde eine einsame Lodge erbaut, vor der zwei Einheimische sitzen. Dahinter und darüber erhebt sich eine absolut fremd und deplaziert wirkende Pyramide aus Glas und Metall - die Forschungsstation. Ich fühle mich in eine Science-Fiction-Szenerie versetzt, als hätten Außerirdische dieses „Ding" hierhin gesetzt... Steinstufen führen seitlich an der Lodge vorbei und hinauf zum Eingang der Station. Keine Tafel mit Erklärungen gibt Aufschluss über den Sinn dieses Bauwerkes, noch können unsere Guides etwas darüber aussagen. Von außen ist nur feststellbar, dass es eine mehr oder weniger automatische Station sein muss, die irgendwelche Messwerte per Funk übermittelt. Und die Energieversorgung erfolgt über Solarpaneele, die auf der Südfläche der Pyramide angebracht wurden. Innerlich achselzuckend trete ich den Rückweg an.

 

An der Mündung des Tälchens kreuzen wir den Hauptweg und beginnen mit dem Aufstieg auf den Kamm der Moräne. Die kaum mehr als fünfzig Höhenmeter lassen meinen Puls mächtig ansteigen. Oben angekommen, erwartet mich die nächste dicke Überraschung. Der Blick streift auf der anderen Seite der Moräne hinunter zum Gletscher, doch was ich da sehe sind hauptsächlich Steine und Geröll. Nur vereinzelt ist dazwischen Eis auszumachen und dadurch diese bröselige, hügelige, löchrige, kiesige Zunge als Gletscher zu identifizieren. In beide Blickrichtungen des Gletscherflusses ist kein Ende erkennbar. Viel weiter oben, in Richtung Talschluss sind auch reinweiße Gletscherpartien sichtbar. Schön ist er an dieser Stelle nicht, der Khumbugletscher, beeindruckt lediglich durch seine Ausdehnung.

Vom Kamm der Gletschermoräne geht der Blick hinunter nach Lobuche und hinüber zu Arakam Tse, 6423m (rechts), Cholatse, 6335m und Taboche, 6367m Von rechts: Arakam Tse, Cholatse, Taboche; Unten rechts: Die Lodgeansammlung Lobuche

Was Wunder, dass die Blicke sich schnell wieder den von hier oben viel besser sichtbaren Himalayariesen zuwenden. Pumori, seine seitlichen Trabanten, vor allem aber die eisbewehrten Flanken des Nuptse sind in

ihrer vollen Ausdehnung sichtbar. Rasten, trinken, schauen - lange hält es uns nicht an diesem Aussichtspunkt. Einige Minuten wir dem Kamm, um dann wieder in Richtung Lobuche abzusteigen. Nur fünfzehn Minuten sind es bis dorthin und die Gruppe entschließt sich in der ersten, recht neu aussehenden Lodge zum Mittagessen einzukehren. Wir versammeln uns um einen der großen Tische im Gastraum, reden und warten. Und warten. Und warten. Einer der anderen Tische ist gleichfalls vollbesetzt. Einer englischsprachigen Gruppe werdend dort von Zeit zu Zeit Essen serviert. Nach einer Stunde ist der Hunger groß und jedem Teller, der dampfend aus der Küche kommt, wird voller Erwartung entgegen gesehen ... Offenbar haben die gefräßigen Trekker am Nebentisch tausendköpfige Raupen im Bauch: Teller um Teller landet an dieser Tafel - nichts bei uns. Unverständlich zwar, wie so viele Hände in der Küche, sichtbar durch die offene Tür, so wenig Essen in so langer Zeit zubereiten können!? Aber es ist ja alles frisch - immerhin - und außerdem sind wir in Nepal, da spielt Zeit eine untergeordnete Rolle. Beherrschung und Hunger ringen also miteinander und es ist nur logisch, bei wem dieser Kampf zuerst in einem Blackout endet. Wütend und Verwünschungen in Richtung des Personals ausstoßend, steht Olaf auf, legt ein paar Rupien für den getrunkenen Tee auf den Tisch und verlässt das Haus in Richtung unserer Nächtigungslodge. Matthias lässt sich anstecken, folgt ihm. Später finden wir sie dort satt, vor leeren Tellern.

 

Zwischenzeitlich betrat Tendi die Lodge, die jungen Wirtsleute sind wohl Freunde von ihm. Die ganze Zeit über sitzt er mit der jungen Frau am Nebentisch und tauscht sicherlich die neuesten Khumbu-Nachrichten aus. Schließlich, annähernd zwei Stunden sind vergangen, werden auch uns die Essen serviert. Natürlich bleiben zwei Teller stehen, die sie bestellten, sind ja abgehauen. Tendi klärt den Sachverhalt mit dem Wirt und so landen die beiden Essen auf seinem Tisch und er kommt zu einer kostenlosen Mahlzeit ... Ist seine zur Schau gestellte Amüsiertheit über diese Entwicklung echt oder überspielt er nur die Situation damit, will Peinlichkeiten vermeiden?

 

Zurück an der Lodge, vergeht der Rest des Nachmittags hauptsächlich mit Rumstehen, Rumsitzen und Gesprächen (vor allem mit Jürgen und Hans-Jörg). Ines und Hans-Jörg entschließen sich zu einer gemeinsamen Waschaktion im eiskalten Wasser des Bachs. Ines Strümpfe und Hans-Jörgs Hose hängen anschließend glitschnass an der Wäscheleine der Lodge. Beide haben Hoffnung auf weitgehende Trocknung in der Nachmittagssonne bei leichtem Wind. Nur leider meldet sich die Sonne kurze Zeit später hinter der üblichen, dicken Nachmittagsbewölkung ab. Das ist jedes Mal der Zeitpunkt, zu dem die Außentemperatur dramatisch schnell auf unangenehme Werte fällt. Bald haben sich alle ins wärmere Innere gerettet, ist der Yakdung im Ofen entzündet und bei einem heißen Lemon Tea wird gelesen oder abermals geredet. Als Gesprächspartner stehen heute auch wieder die Mitglieder unserer Parallelgruppe zur Verfügung, die uns wegen des Tages Verzögerung wieder eingeholt haben. Um den Ofen bildet sich schnell die gewohnte Runde verfrorener Gesellen. Wie meist gehört auch wieder Tej dazu. Dabei unterhält er sich mit einer älteren Dame aus der anderen Gruppe. Wie sehr doch erste Eindrücke täuschen können! Irgendwo in Deutschland, auf der Straße getroffen oder in einem Lokal beobachtet, käme ich niemals auf die Idee, das gemütlich, ein bisschen verhärmt aussehende „Muttchen" als geh- und höhenfeste Trekkerin einzustufen. Nein, wirklich nicht. Aber sie schafft dieselben Wege und Höhen wie wir Jüngeren und das verdient großen Respekt.

 

Irgendwann bringt Hans-Jörg die noch klitschnassen Wäschestücke herein, inzwischen steif gefroren. An der Stirnseite des mollig warmen Gastraumes, zwischen zwei eilig in die Wand gehämmerten Nägeln, improvisiert er eine Wäscheleine. Spät am Abend sind die Sachen trocken.

Nuptse in geheimnisvollem Licht

Plötzlich Unruhe in der Lodge: Irgendwer kommt herein und alarmiert mit der Nachricht eines ungewöhnlichen Naturschauspieles. Vor der Tür bietet sich uns tatsächlich ein berückend schöner, fast mystischer Anblick: Die Wolkendecke ist in Breite und Höhe des Nuptse aufgerissen und keiner würde in diesem Augenblick die Frage stellen, warum Menschen früher an Götter dort oben glaubten ...

Welch ein Zauber geht von diesem Anblick aus! Nuptse im letzten Licht

 

Der Zufall will es, dass ich später in der Nähe von Tej und „Papa" sitze. Tej nennt Heribert „Papa" wegen seines Alters. Er sagt immer, dass er seine Zukunft sieht, wenn er „Papa" anschaut und meint damit den älteren Mann, der er irgendwann auch sein wird ... Heribert interpretiert es allerdings anders. Vor Tagen schon hat Tej Heribert erklärt, dass er gerne nach Deutschland käme, um dort seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Das war bei „Papa" der Moment der schrillenden Alarmglocken, weil er, so seine Erzählungen, bei allen Touren in ähnlicher Weise angesprochen wurde. Einige Male ließ er sich wohl erweichen, überwand die zahlreichen bürokratischen Hürden und lud sich ausländische Gäste ein. Finanziell ein ziemliches Risiko, denn der deutsche Staat erteilt nur dann ein Visum, wenn der Gastgeber für alle Kosten aufkommt. Dazu zählen zum Beispiel auch eventuelle Behandlungskosten. In Tejs Fall macht „Papa" von Anfang an klar, dass so etwas für ihn nicht mehr in Frage kommt. Er fühlt sich dann jedes Mal bedrängt und wirkt sehr launig, wenn Tej die Sprache darauf bringt. So auch heute, als er ihm lediglich erzählt, die ältere Dame habe ihm ihre Adresse gegeben und fragt, ob das als eine Art Einladung zu verstehen ist. Das Thema kommt bis zum Ende unserer Tour immer wieder auf, zuletzt macht sich Hans-Jörg ernsthaft Gedanken, ob und wie er Tej die Reise ermöglichen könnte. Dabei denkt er eher an eine Arbeit in seinem kleinen Betrieb, mit der Tej den Aufenthalt finanzieren könnte. Tej sieht sich aber eher als Touristen in Deutschland und so kommt bei den ganzen Planspielen letztlich nicht mehr heraus, als Hans-Jörgs Versprechen sich zu erkundigen, wie eine Reise zu realisieren wäre.

 

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