Wieder
weichen wir vom vorgesehenen Programm ab, das eigentlich schon für heute den
Kala Pattar vorsieht. Infolge des zweistündigen Anmarsches stünden wir dann
aber frühestens mittags auf dem Gipfel, wahrscheinlich mit Sichtbehinderung
durch Wolken. Stattdessen wollen wir nach kurzer Rast in Gorak Shep das Base
Camp anpacken. Dort wollte Tej aber partout nicht hin! Schon vor Tagen brachte
er die Rede immer wieder darauf, wie unattraktiv doch das Base Camp sei. Nichts
als Steine könne man dort zur Zeit zu sehen, denn in diesem Jahr hätte
nicht eine Expedition den Everest als Ziel gehabt. Ungewiss überdies, ob es überhaupt einen
sichtbaren, markierten Weg dorthin gibt. Das Wichtigste aber sei - so redet er
mehrfach auf uns ein - dass es sich wirklich nicht lohne bis zum Base Camp
vorzustoßen ... Wir redeten immer wieder darüber und fast war ich geneigt, mich
Tejs Meinung anzuschließen. Andere jedoch nicht und schließlich sagte ich mir,
dass das Everest Base Camp in meinen Erwartungen zu diesem Trekk immer eine
wichtige Rolle gespielt hatte. Ja, ich will dorthin, wo so berühmte Männer wie
Sir Edmund Hillary oder Reinhold Messner zu ihren erfolgreichen Touren
gestartet waren. Ja, ich will die Athmosphäre des Ortes aufnehmen, wo so viele
Tragödien ihren Anfang genommen hatten... Was Tej betrifft, so glaube ich fast
körperlich seine massive Abneigung gegen das Base Camp zu spüren. Doch warum
...?
Als
wir um sechs Uhr aufstehen habe ich zum ersten Mal wirklich gut geschlafen und
das im Gemeinschaftsschlafraum. Ines geht es leider wieder schlechter, sie
schleppt sich mit schlimmem Husten und nadelstichgleichen Halsschmerzen
Richtung Gorak Shep. Beinahe bin ich versucht, die zwei und eine halbe Stunde des
leichten Marsches bis nach Gorak Shep, als Zeit ohne Besonderheiten abzutun.
Ein, zwei kurze Rasten, ein leichter Anstieg, in der Karte als „Lobuche Pass"
auf 5110 Metern Seehöhe eingetragen, das ist schon fast alles. Aber natürlich
geschieht dies wieder bei völlig ungetrübter - azurblauer - Sicht und zwischen
fantastischen Sechs- und Siebentausendern. Sogar der Chomolungma reckt
zeitweise seinen oberen Pyramidenzipfel über den Nuptsegrat. Nur leider ist
mein Vokabular zu ärmlich und erschöpft, um die permanenten Superlative
plastisch zu vermitteln.
Die
Karte bereitet mich auf den breiten Changri-Gletscherfluss vor, der kurz hinter
dem Lobuche Pass zu überqueren ist, wo er in den Khumbu mündet. Vergebens warte
ich auf Eis. Stattdessen türmen sich Schutthaufen, durchzogen von riesigen
Rinnen. Eis spitzt nur ab und an zwischen Geröll und Steinen durch. Ohne die
Informationen der Karte und himalaya-unerfahren wie ich bin, käme ich nie auf
die Idee, unter meinen Füßen zig Meter dickes Eis zu vermuten.
Nach
dem Geröll des Gletschers und ein paar Wendungen des Weges liegt Gorak Shep
plötzlich vor uns. Vielleicht fünfzig Meter tiefer ducken sich zwei Lodges an
die sanft abfallenden Hänge. Das ist also der letzte, fest (?) gebaute
Vorposten der Sherpa im Solo Khumbu. Nur kurz halten wir Einkehr in der Lodge,
bestellen RARA Noodle Soup, weil das am schnellsten geht. Tendi hat eine
positive Nachricht für uns parat: Andere Guides berichteten, einen
deutlich verfolgbaren Weg ins Base Camp vorgefunden zu haben.
Dann
die schon erwartete, dennoch große Enttäuschung: Ines entscheidet sich in der
Lodge zu bleiben, die Schmerzen in Hals und Rachen sind einfach zu stark. Sie
will auch keine Verschlechterung ihres Zustandes riskieren und sich ausruhen.
Sich von meiner Frau verabschieden zu müssen, um Erlebnisse auf dieser Tour
ohne sie zu haben, war nicht vorgesehen! Entsprechend fühle ich mich beim
Abschied ...
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