15. Trekkingtag, „Von Pangboche (3930m) nach Namche Bazar (3440m)"


 

Kartenausschnitte für diesen Trekkingtag

Obwohl beim Aufwachen die Halsschmerzen unvermindert kratzen, gehe ich mit guter Laune in diesen Tag. Die Sonne wärmt schon am windstillen, frühen Morgen. Der leichte Regen gestern Abend war also nur ein Intermezzo. Die Gruppe sammelt sich vor der Lodge in der Sonne, wartet scherzend, bis Hans-Jörg seine Morgenwäsche abgeschlossen hat. Obgleich der Weg bekannt ist, gibt es viele unbekannte Ausblicke. Auf dem Hinweg konzentriert man sich eher auf das, was vor einem liegt und blickt selten zurück. Heute reicht der Blick hinüber zum Kloster Tengboche, noch klein und unscheinbar auf bewaldetem Höhenzug gelegen. Darüber, doch weit entfernt, imponiert das Massiv des Kongde Ri, deutlich über sechstausend Meter hoch. Aber auch stehen bleiben,

Pheriche - Tengboche Tengboche - Khumjung Namche

zurück schauen, wird mit freiem Blick auf die Ama Dablam belohnt. Plötzlich ist Hubschrauberlärm zu vernehmen und nach einigem Hin und Her landet die Maschine in der Nähe von Pangboche. Was da wohl wieder geschehen ist?

Der Stupa hat alles im Blick: Kloster Tengboche und den klotzigen
Kongde Ri, 6187m
Zwischen Pangboche und Tengboche

Den nächsten Halt verursacht ein malerisch auf den Weg und in die Landschaft gebauter Stupa. Ein Fototermin allererster Güte ist die Folge und das Zählwerk meiner Spiegelreflex ruckt zwei Stellen weiter. Der Weg verläuft mit - zunächst - wenig Gefälle in der Flanke des in diiesem Bereich tief eingeschnittenen Tales des Imja Khola Flusses. Wir müssen noch einiges an Höhe aufgeben, um, die Brücke

querend, den Wald vor Tengboche zu erreichen. Da die Halsschmerzen sich mittlerweile fast gelegt haben, lasse ich meiner Faulheit die Zügel schießen und ertrage die Schattenkälte des Waldes ohne mich wärmer anzuziehen. Bodenstellen ohne Sonne sind vielfach noch mit Reif überzogen. Die Gruppe bildet zwischenzeitlich nur noch eine lose, weit auseinander gezogene Kette. Auch als die Guides einen Halt in einer sonnendurchfluteten Schneise einlegen, sind wir nicht komplett. Nach der Pause beginnt der kurze Gegenanstieg zum Kloster Tengboche, nach dem ständigen Bergab sogar willkommen.

Kloster Tengboche Warum begeistert mich dieser Ort so sehr? Kloster Tengboche

Auf den letzten Metern vor der großen Klosteranlage öffnet sich der Wald und mit jedem Schritt wird die Aussicht freier. Es ist wunderbar, ein zweites Mal an diesem besonderen Ort zu sein. Seine Lage zeichnet ihn aus, eine ungewöhnliche Stille und selbstredend die weite, freie Sicht auf Ama Dablam und das Everestmassiv. Alle wollen hier verweilen und die wohltuende Atmosphäre auf sich wirken lassen. Ich beginne wieder zu fotografieren. Zwar habe ich schon einiges von

diesem Ort aus im „Kasten", die Morgensonne lässt jedoch alles in einem ganz besonderen Licht und enorm satten Farben leuchten. Waren wir eigentlich auf dem Hinweg hinter der Klosteranlage? - Nein! Also streune ich ein bisschen in diese Richtung, bin dann überrascht und vernehme heftiges Klopfen meines „Fotografenherzens": Von der Rückseite aus lässt sich der Hauptbau des Kloster im Kamerasucher genau zwischen Everest und Ama Dablam rücken! Und in der Gegenrichtung hat man mir wieder ein Yak ideal postiert, um noch mehr Film zu verbrauchen. Überhaupt sind von der Klosterrückseite, in Richtung Namche, wunderschöne Ausblicke möglich. Ich eile zur Gruppe zurück und überzeuge zuerst Ines, Jürgen und Hans-Jörg, dass die paar Meter unbedingt lohnend sind. Nach und nach folgen auch die Anderen.

Tengboche Links
1 Toller Link!
2 Noch ein Superlink
3 Toller Link!

 

Innerlich nehme ich Abschied von Tengboche, bin sicher diesen grandiosen Ort nie wieder zu betreten. Mag sein, ich lasse mich wieder mal auf extremes Trekking ein, doch dann ganz bestimmt nicht wieder in dieses Tal. Die Welt ist so groß und meine Reisemöglichkeiten sind so beschränkt. An einen Ort zurück zu kehren und sei er noch so berückend schön, würde ich als Verschwendung empfinden. Vor Tagen begrüßte uns der Torbogen, nun verlassen wir durch ihn Tengboche wieder. Der Abstieg in die Schlucht des Dudh Koshi, durch dichten Nadelwald, wird gleich wieder von einem floralen Blickfang gebremst: An der Böschung des staubig-sandigen Weges

Sagarmatha, Lhotse und Ama Dablam
Harmonischer Dreiklang von Mensch, Glaube und Natur,
das ist Tengboche auch

hat sich eine Kolonie von Himalaya-Enzian in dichtem Polster angesiedelt. Wie die Blume wirklich heißt, weiß ich nicht, in der Form gleicht sie jedoch sehr dem heimischen, stiellosen Enzian. Anders als bei jenem ist der Blütenkelch jedoch der Länge nach zart, pastellblau und weiß gestreift.

Rückansicht des Klosters Auch die Rückseite des Klosters bietet herrliche Ansichten

Einer plötzlichen Erinnerung folgend, wende ich den Blick bergwärts, suche den Höhenrücken oberhalb Tengboche, auf dem der Mönch vor Tagen Vorbereitungen für neuen Schmuck an Chörten traf. Tatsächlich flattern dort oben neue Gebetsfahnen im Wind. Das muss ich Ines zeigen!

 

Etwas später, der Weg leitet uns durch eine Zone mit dichtem Buschwerk und Gestrüpp, läuft mir tatsächlich ein Paar wilder

Bergziegen (Heißen sie so? Tejs Erklärung war unverständlich!) vor die „Büchse“. Waidmannsdank sagt meine Kamera „erlegt“ die Beute sogleich. Anlass genug, ein wenig über die Fauna dieser, mit Naturwundern so reich gesegneten Gegend nachzudenken. Außer Vögeln, äußerst seltenem Wild in den leider stark dezimierten Wäldern und eben jetzt diesen Bergziegen, haben wir nichts zu Gesicht bekommen. Fehlende Wälder schränken den Lebensraum größerer Spezies sicher stark ein und was soll schon oberhalb der Baumgrenze, in den Regionen von Vier- oder Fünftausend Metern leben? Halt! Ganz schwach erinnere ich mich noch an eine Art Erdhörnchen, das uns dort vor Tagen begegnete ...

 

Im unteren Teil dieses Hanges wächst dichter, alter Wald und darin wird der Weg steiler. Eine Weile schon höre ich, näher kommend, die Geräuschkulisse eines Yak-Transportes. Als es passiert, steigen Ines und ich dicht hinter Lars ab und Tej ist auch irgendwo in der Nähe. Was Ines schreit bleibt mir nicht im Gedächtnis. Jedenfalls alarmiert sie uns und beginnt zu rennen und zu drängeln, schiebt mich auf Lars, oder ihn auf mich. Keine Ahnung. Ich renne los. Die Sonnenbrille fällt mir vom Kopf, baumelt um den Hals. Einige Meter abseits kommen wir zum Stehen, sehen wie die Steine harmlos im Hang ausrollen. Erst jetzt realisiere ich das Geschehen völlig. Steinschlag (!) vermutlich losgetreten von den tonnenschweren Yaks. Eine gefährliche Situation ist überstanden. Nicht ganz folgenlos: Der Bügel meiner Gletscherbrille brach ab. Den Rat eine Zweitbrille mitzunehmen (stand er im Trekkingreiseführer oder in den DAV-Unterlagen?), sollte man also wirklich nicht ignorieren.

Bergziegen kreuzen unseren Weg
Freilebende Tiere oder Täuschung?

Im gleißenden Licht der Eisriesen, jenseits der Vier- oder Fünftausend-Meter-Marke habe ich Niemanden ohne gute Sportbrille, gesichtsangepasst oder mit seitlicher Abdichtung gegen die enorme Lichtfülle, auskommen sehen!

 

In Phunki Tenga, kurz vor der Brücke über den Dudh Koshi, begrüßen uns die bekannten Wassergebetsmühlen. Alles ist wie beim Herweg: Das verschlafene Militärcamp, ohne sichtbare soldatische Aktivitäten, Träger die am Wegrand Feuerstellen betreiben und ihr Mittagessen zubereiten, die verfallen wirkenden Gasthäuser. Eine kurze Rast gibt Gelegenheit das übliche Hin und Her von Einheimischen und Trekkern zu registrieren. Die Gruppe ist nicht komplett, einige fehlen. Wozu also rasten? Hinter Phunki Tenga gilt es den tosenden Fluss zu queren, der an dieser Stelle um einen kühn und überhängend aufragenden Felsen gischtet. An der Hängebrücke heißt es warten. Vier dick bepackte Yaks trotten über die Planken entgegen. Nach der Brücke hoffe ich dann bei jeder Biegung des jetzt wieder steil ansteigenden Weges auf eine Lodge für die Mittagsrast. Ich habe Hunger und immerhin sind ja jetzt etwa 350 Meter Anstieg zu bewältigen. Tendi hat eine Gaststätte ausgesucht, die auf halber Höhe liegt und zudem als solche kaum zu erkennen ist. Erst nach reichlich einer halben Stunde Aufstieg, ist ein Steinhaus erreicht, über dessen Eingang unscheinbar ein Schild zum Verweilen und Essen einlädt. Später werden wir darüber aufgeklärt, dass uns Tendis Kenntnis, wohl fast aller Vorgänge und Zusammenhänge in diesem Tal und sein Sinn für soziale Gerechtigkeit hierher geführt haben. Mit einem Sohn der Wirtsleute ist Tendi gut bekannt, arbeitete zeitweise mit ihm zusammen. Jetzt ist der gelähmt, ein Pflegefall und so brauchen diese Leute das Geld dringender als andere.

Tendi als Koch! Guides können auch kochen - Beispiel eins: Tendi!

Im Freien gibt es weder Tisch noch Stühle und so sollen wir im Hinterzimmer des Gasthofes Platz nehmen. Wie anderen auch gefällt mir das düstere, verräucherte Ambiente dieses Raumes überhaupt nicht und deshalb setze ich mich nach abgegebener Bestellung auf einen Stein vor der Hütte in die warme Sonne. Jürgen und Hans-Jörg gesellen sich dazu, zeitweise auch Lars, Günther und Ines. Keinen ruhigen und sicheren Platz habe ich mir da ausgesucht! Immer wieder passieren Gruppen von schwerbeladenen Yaks den hier von einem natürlichen Felsen geteilten Weg. Und da der jenseitige Wegstreifen zum Teil talwärts weggebrochen ist, müssen die breiten Tiere auf meiner Seite vorbei ... Tej und Tendi helfen der „Gasthofbesatzung“ beim Zubereiten des Essens, heißt es. Das möchte ich natürlich sehen: In der Küche steht Tendi am primitiven, aus Steinen gemauerten, offenen Herd und rührt mit einer Kelle in einem Topf. Tej sitzt daneben an einem niedrigen Tisch, wo er Kartoffeln schält und schneidet. Keine gute Luft hier drin, denn die Esse über dem Feuer fängt nicht allen Rauch ein. Nach zwei Blindfotos mit Blitz ins Dunkel dieses Raumes, nehme ich draußen wieder meinen Sonnenplatz ein. Ein kleines rotznäsiges, spitzbübisch lächelndes Mädchen pirscht sich langsam von der Nachbarlodge zu uns her. Die Kleine muss um die sechs oder

sieben Jahre alt sein. Hans-Jörg, der schon zu früheren Gelegenheiten seine Kinderliebe nicht verhehlen konnte, schenkt ihr einen Stift und erntet dafür natürlich ein strahlendes Kindergesicht. Sogleich beginnt sie auf dem Fels herum zu kritzeln. Ihr kleines Geschwisterchen gesellt sich dazu und nun muss Hans-Jörg ganz einfach ein Foto mit seiner Digitalkamera schießen. Als er der Kleinen das Ergebnis auf dem kleinen Kameradisplay zeigt, ist sie außer sich vor Entzücken und stellt sich gleich wieder in Positur. Der Kameramann tut ihr den Gefallen, mehrmals sogar, kann man doch jedes Bild anschließend wieder löschen ...

Tej der Koch
Beispiel zwei: Auch Tej findet sich in der Küche zurecht!

Nach der reichlichen und sehr schmackhaften Mahlzeit drängen die Guides zum Aufbruch. Bezahlt wird in der Küche. Tendi sammelt die einzelnen Beträge ein, rechnet mehrfach nach und zählt dann den glücklichen Wirtsleuten die für sie sicher erhebliche Summe vor. Ihr Dank ist herzlich und echt. Sie vermitteln mir das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man Geld an der rechten Stelle gelassen zu haben glaubt. Mit besten Wünschen, Händedruck und strahlendem Lachen werden wir verabschiedet. Wie einige Andere bin ich draußen vor der Hütte noch nicht einmal marschbereit, schultere noch den Rucksack, als die ersten weiter oben schon um die nächste Wegbiegung verschwinden. Wozu diese Eile, was glauben sie zu verpassen in Namche, wenn für den Trekk eine halbe Stunde länger benötigt wird? Haben sie keine Ader für das „Unterwegs-Sein“ oder wie der berühmteste und erfolgreichste Bergsteiger der Welt es ausdrückte, für das „der Weg ist das Ziel“?

 

Etwa 150 Höhenmeter sind noch zu bewältigen, bis der Weg nach einer Rechtsbiegung sich wieder senkt. An dieser Stelle steht eine „Donation Box" für die Instandhaltung des Weges. Wie auf dem Hinweg ignoriere ich sie auch heute. Ich mache mir hier und jetzt keine Gedanken darüber, wohl aber werde ich es zu Hause tun, beim Niederschreiben dieser Sätze. Da werde ich es als Fehler empfinden, nicht ein paar Rupien in die Holzkiste geworfen zu haben. In den Alpen sorgt der Alpenverein für Wege und Steige. Der refinanziert sich über die Mitgliederbeiträge, also auch über mich und lässt den Normalgast durch Hüttenabgaben zur Ader. Hier gibt es keine Organisation für diesen Zweck und ich versäume einen Beitrag zu leisten. Schade! Ok, es ist möglich, dass sich auch Unberechtigte aus der Geldkiste bedienen, zumal sie unbewacht scheint. Aber das als Argument anzuführen, verhülfe mir zu einem sehr billigen Alibi.

 

Die ganze Zeit des Aufstieges über, so auch jetzt, als der Weg sich senkt, um danach gleich wieder anzusteigen, verliert sich der Blick in den Weiten dieses Tales. Herrliche Ein- und Ausblicke sind möglich. Nur eines ist nicht zu erkennen: Wo bewegen sich die ersten unserer Gruppe? Weiter vorne erkenne ich Jürgen und Hans-Jörg, das war´s dann aber auch schon. Ja, ich bekenne, das geht mir gegen den Strich. Besonders als kurze Zeit danach Tej bei Hans-Jörg zurück bleibt (menschliches Rühren!) und ich mit Ines dann mutterseelenallein weiterlaufe. Es ist die Stelle, wo wir links abzweigen müssen, nach Namche, denn rechts, bergauf, führt der Weg nach Khumjung. So weit, so gut. Als aber kurz nach dem winzigen Weiler Kyjangjuma erneut ein Pfad nach rechts verweist, bin ich unsicher, ob wir richtig sind. Minutenlang warten wir auf Tej. Ich horche nach vorne und nach hinten, höre jedoch nirgendwo einen Laut in diesem Hain aus niedrigen Bäumen und hohen Büschen. Entnervt lasse ich Ines warten und gehe ein Stück zurück, bis ich Tej kommen sehe. Also stimmt die Generalrichtung wie erhofft. Nach dem Wäldchen, an der nächsten Wegbiegung wartet dann die Gruppe endlich einmal. Pustekuchen! Die zwei üblichen „Verdächtigen“ fehlen, sind schon weit voraus und auch durch mehrmaliges Zurufen nicht zu bremsen. In Gedanken rechne ich mit den beiden ab, behalte es aber weitestgehend für mich. Es ist nicht das erste, noch das letzte Mal, dass ich mir die „Wsd-Frage“ stelle: „Was soll das"? Allgemeines Unverständnis mündet dann in die fatalistische

Kongde Ri über den Hügeln von Namche

Auffassung „lasst sie laufen, am Ende werden sie warten müssen, sie kennen ja die Lodge nicht!".

Namche scheint nah, Luftlinie höchstens noch zwei Kilometer weit entfernt. Durch die ständigen, sehr reizvollen Geländeeinschnitte verlängert sich der Weg aber auf das doppelte. Erst nach reichlich einer weiteren Stunde ist eine Kuppe oberhalb Namche gewonnen. Dort, unmittelbar vor den ersten Häusern des Ortes, schluckt die Kolonne dann die beiden Ausreißer. Wie erwartet wissen sie nicht wohin ... Ein letzter Rundblick und wir traben hinunter dem heutigen Etappenziel entgegen.

Der Kongde Ri erhebt sich hinter den Hügeln von Namche und Khumjung

 

Die Lodge liegt traumhaft am steilen Hang des Hufeisenrunds von Namche. Unterwegs war immer wieder von den kulinarischen Genüssen die Rede, die heute noch auf uns warten. Gerade haben wir unser Zimmer mit „Namche-Blick“ in Besitz und das Nötigste aus der sperrigen, schweren Reisetasche genommen, da sammelt sich wie verabredet auch schon der „Bäckerei-Spähtrupp“ im Hof: Jürgen, Hans-Jörg, Heribert, Georg, Ines und ich. Wenige Minuten trennen uns noch von Luxus und Delikatessen: Kaffee, sogar Cappucino und süße Leckereien vom Feinsten. Das ist zumindest das, was uns unser Gaumen signalisiert. Mag sein Donuts und Co. sind schon ein bisschen altbacken, so spät am Nachmittag. Aber was macht das schon, wenn man - abgesehen von oft leicht angesengtem Toast - seit zwei Wochen kein Brot mehr bekommen hat, von süßem Gebäck gar nicht zu reden. Die aufkommende gute Stimmung wird noch von den Spekulationen über das zu erwartende Abendessen angeheizt. Yak-Steak soll es geben! Fleisch! Mehr noch als ich (geht das?) freut sich Georg auf diese Mahlzeit. Er hat sich in den vergangenen Tagen als „fanatischer“ Fleischesser geoutet, was mir angesichts seines Arztberufes irgendwie ein bisschen bizarr vorkommt. Witzige Bemerkungen über die mutmaßliche Qualität des Fleisches machen die Runde. Sie haben ihren Ursprung in Beobachtungen über den Umgang der Nepali mit schlachtfrischem Fleisch. Oft liegt es stundenlang offen, jeder Fliege und jedem Keim gut zugänglich, einfach auf dem Boden, günstigstenfalls auf einem hölzernen Tisch. Hygienevorstellungen und -anforderungen aus Deutschland erscheinen bei solchem Anblick absurd. Zusätzliche Verunsicherung erzeugte Tej, weil er Tage zuvor bei einer Unterhaltung erläuterte, dass Yaks nur im Notfall geschlachtet werden oder weil sie zu alt sind. „Alle Keime werden abgetötet, wenn man das Fleisch lange genug erhitzt“ relativiert Georg unsere Bedenken mit seinem Sachverstand - oder macht er sich nur selber Mut?

 

Erwartungsvoll sitzt dann alles im gut besuchten und gemütlichen Gastraum der Lodge. Was uns serviert wird, sieht einem Steak überhaupt nicht ähnlich: Das Fleisch wurde im Topf geschmort und liegt nun in Stücke geschnitten, bedeckt mit dicker, fast schwarzer, sämiger Soße auf unseren Tellern. Der Geschmack ist ausgezeichnet und erinnert sehr an Wildbret aus heimischen Wäldern. Ines probiert nur wenig davon, sie ist die Einzige, die sich wenig aus der Festmahlzeit macht. Das wiederum freut Georg und mich, denn wir teilen ihre Ration unter uns auf. Natürlich ist dieses Abendessen der Höhepunkt aller Mahlzeiten, die wir während des Trekkings vorgesetzt bekamen. Doch wenn auch sonst Fleischlosigkeit Trumpf war, bis auf Eier und Yakmilch alles voll pflanzlich, wohlschmeckend und stets frisch war die Verpflegung immer. An diesem Abend habe ich zum ersten Mal auch wirklich Lust auf ein Bier. Bier, Cola oder andere Erfrischungsgetränke sind hier Luxus, der mit sechs Mark oder mehr teuer zu bezahlen ist. Preise richten sich naturgemäß nach der Höhenlage und dem Grad der Entlegenheit des Kaufortes. Auch Mineralwasser ist davon betroffen, es muss wie alle anderen Güter auf dem Rücken herbei geschafft werden. Für die Einliterflasche musste ich vor Tagen bis zu zweihundert Rupien hinblättern, zur Zeit der Gegenwert von über sechs Mark. Essen und Bier entfalten ihre Wirkung. Mir wird heiß und die Gespräche in der Runde gewinnen an Lebendigkeit. Kurzzeitig bin ich versucht es anderen in der Runde nach zu tun und mir auch noch ein Bier zu bestellen. Das erste nimmt mich allerdings schon reichlich mit und wegen des morgen bevorstehenden weiten Weges nach Lukla und der morgendlichen Kopfschmerzen vergangener Tage lasse ich es dann.

 

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