![]() |
15.
Trekkingtag, „Von Pangboche (3930m) nach Namche Bazar (3440m)" |
![]() |
|
zurück schauen, wird mit
freiem Blick auf die Ama Dablam belohnt. Plötzlich ist Hubschrauberlärm zu
vernehmen und nach einigem Hin und Her
landet die Maschine in der Nähe von Pangboche. Was da wohl wieder geschehen
ist?
querend, den Wald vor Tengboche zu erreichen. Da die Halsschmerzen sich
mittlerweile fast gelegt haben, lasse ich meiner Faulheit die Zügel schießen
und ertrage die Schattenkälte des Waldes ohne mich wärmer anzuziehen.
Bodenstellen ohne Sonne sind vielfach
noch mit Reif überzogen. Die Gruppe bildet zwischenzeitlich nur noch eine lose,
weit auseinander gezogene Kette. Auch als die Guides einen Halt in einer
sonnendurchfluteten Schneise einlegen, sind wir nicht komplett. Nach der Pause
beginnt der kurze Gegenanstieg zum Kloster Tengboche, nach dem ständigen Bergab
sogar willkommen. hat sich eine Kolonie von Himalaya-Enzian in dichtem
Polster angesiedelt. Wie die Blume wirklich heißt, weiß ich nicht, in der Form
gleicht sie jedoch sehr dem heimischen, stiellosen Enzian. Anders als bei jenem
ist der Blütenkelch jedoch der Länge nach zart, pastellblau und weiß gestreift.
Bergziegen (Heißen sie so? Tejs Erklärung
war unverständlich!) vor die „Büchse“. Waidmannsdank sagt meine Kamera „erlegt“
die Beute sogleich. Anlass genug, ein wenig über die Fauna dieser, mit
Naturwundern so reich gesegneten Gegend nachzudenken. Außer Vögeln, äußerst
seltenem Wild in den leider stark dezimierten Wäldern und eben jetzt diesen
Bergziegen, haben wir nichts zu Gesicht bekommen. Fehlende Wälder schränken den
Lebensraum größerer Spezies sicher stark ein und was soll schon oberhalb der
Baumgrenze, in den Regionen von Vier- oder Fünftausend Metern leben? Halt! Ganz
schwach erinnere ich mich noch an eine Art Erdhörnchen, das uns dort vor Tagen
begegnete ...
Im gleißenden
Licht der Eisriesen, jenseits der Vier- oder Fünftausend-Meter-Marke habe ich
Niemanden ohne gute Sportbrille, gesichtsangepasst oder mit seitlicher
Abdichtung gegen die enorme Lichtfülle, auskommen sehen! In
Phunki Tenga, kurz vor der Brücke über den Dudh Koshi, begrüßen uns die
bekannten Wassergebetsmühlen. Alles ist wie beim Herweg: Das verschlafene
Militärcamp, ohne sichtbare soldatische Aktivitäten, Träger die am Wegrand
Feuerstellen betreiben und ihr Mittagessen zubereiten, die verfallen wirkenden
Gasthäuser. Eine kurze Rast gibt Gelegenheit das übliche Hin und Her von
Einheimischen und Trekkern zu registrieren. Die Gruppe ist nicht komplett,
einige fehlen. Wozu also rasten? Hinter Phunki Tenga gilt es den tosenden Fluss
zu queren, der an dieser Stelle um einen kühn und überhängend aufragenden
Felsen gischtet. An der Hängebrücke heißt es warten. Vier dick bepackte Yaks
trotten über die Planken entgegen. Nach der Brücke hoffe ich dann bei jeder
Biegung des jetzt wieder steil ansteigenden Weges auf eine Lodge für die
Mittagsrast. Ich habe Hunger und immerhin sind ja jetzt etwa 350 Meter Anstieg
zu bewältigen. Tendi hat eine Gaststätte ausgesucht, die auf halber Höhe liegt
und zudem als solche kaum zu erkennen ist. Erst nach reichlich einer halben
Stunde Aufstieg, ist ein Steinhaus erreicht, über dessen Eingang unscheinbar
ein Schild zum Verweilen und Essen einlädt. Später werden wir darüber
aufgeklärt, dass uns Tendis Kenntnis, wohl fast aller Vorgänge und
Zusammenhänge in diesem Tal und sein Sinn für soziale Gerechtigkeit hierher
geführt haben. Mit einem Sohn der Wirtsleute ist Tendi gut bekannt, arbeitete
zeitweise mit ihm zusammen. Jetzt ist der gelähmt, ein Pflegefall und so
brauchen diese Leute das Geld dringender als andere.
Nach
der reichlichen und sehr schmackhaften Mahlzeit drängen die Guides zum
Aufbruch. Bezahlt wird in der Küche. Tendi sammelt die einzelnen Beträge ein,
rechnet mehrfach nach und zählt dann den glücklichen Wirtsleuten die für sie
sicher erhebliche Summe vor. Ihr Dank ist herzlich und echt. Sie vermitteln mir
das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man Geld an der rechten Stelle
gelassen zu haben glaubt. Mit besten Wünschen, Händedruck und strahlendem
Lachen werden wir verabschiedet. Wie einige Andere bin ich draußen vor der
Hütte noch nicht einmal marschbereit, schultere noch den Rucksack, als die
ersten weiter oben schon um die nächste Wegbiegung verschwinden. Wozu diese
Eile, was glauben sie zu verpassen in Namche, wenn für den Trekk eine halbe
Stunde länger benötigt wird? Haben sie keine Ader für das „Unterwegs-Sein“ oder
wie der berühmteste und erfolgreichste Bergsteiger der Welt es ausdrückte, für
das „der Weg ist das Ziel“? Etwa
150 Höhenmeter sind noch zu bewältigen, bis der Weg nach einer Rechtsbiegung
sich wieder senkt. An dieser Stelle steht eine „Donation Box" für die
Instandhaltung des Weges. Wie auf dem Hinweg ignoriere ich sie auch heute. Ich
mache mir hier und jetzt keine Gedanken darüber, wohl aber werde ich es zu
Hause tun, beim Niederschreiben dieser Sätze. Da werde ich es als Fehler
empfinden, nicht ein paar Rupien in die Holzkiste geworfen zu haben. In den
Alpen sorgt der Alpenverein für Wege und Steige. Der refinanziert sich über die
Mitgliederbeiträge, also auch über mich und lässt den Normalgast durch
Hüttenabgaben zur Ader. Hier gibt es keine Organisation für diesen Zweck und
ich versäume einen Beitrag zu leisten. Schade! Ok, es ist möglich, dass sich
auch Unberechtigte aus der Geldkiste bedienen, zumal sie unbewacht scheint.
Aber das als Argument anzuführen, verhülfe mir zu einem sehr billigen Alibi. Die
ganze Zeit des Aufstieges über, so auch jetzt, als der Weg sich senkt, um
danach gleich wieder anzusteigen, verliert sich der Blick in den Weiten dieses
Tales. Herrliche Ein- und Ausblicke sind möglich. Nur eines ist nicht zu
erkennen: Wo bewegen sich die ersten unserer Gruppe? Weiter vorne erkenne ich
Jürgen und Hans-Jörg, das war´s dann aber auch schon. Ja, ich bekenne, das geht
mir gegen den Strich. Besonders als kurze Zeit danach Tej bei Hans-Jörg zurück
bleibt (menschliches Rühren!) und ich mit Ines dann mutterseelenallein
weiterlaufe. Es ist die Stelle, wo wir links abzweigen müssen, nach Namche,
denn rechts, bergauf, führt der Weg nach Khumjung. So weit, so gut. Als aber
kurz nach dem winzigen Weiler Kyjangjuma erneut ein Pfad nach rechts verweist,
bin ich unsicher, ob wir richtig sind. Minutenlang warten wir auf Tej. Ich
horche nach vorne und nach hinten, höre jedoch nirgendwo einen Laut in diesem
Hain aus niedrigen Bäumen und hohen Büschen. Entnervt lasse ich Ines warten und
gehe ein Stück zurück, bis ich Tej kommen sehe. Also stimmt die Generalrichtung
wie erhofft. Nach dem Wäldchen, an der nächsten Wegbiegung wartet dann die
Gruppe endlich einmal. Pustekuchen! Die zwei üblichen „Verdächtigen“ fehlen,
sind schon weit voraus und auch durch mehrmaliges Zurufen nicht zu bremsen. In
Gedanken rechne ich mit den beiden ab, behalte es aber weitestgehend für mich.
Es ist nicht das erste, noch das letzte Mal, dass ich mir die „Wsd-Frage“
stelle: „Was soll das"? Allgemeines Unverständnis mündet dann in die
fatalistische Die
Lodge liegt traumhaft am steilen Hang des Hufeisenrunds von Namche. Unterwegs
war immer wieder von den kulinarischen Genüssen die Rede, die heute noch auf
uns warten. Gerade haben wir unser Zimmer mit „Namche-Blick“ in Besitz und das
Nötigste aus der sperrigen, schweren Reisetasche genommen, da sammelt sich wie
verabredet auch schon der „Bäckerei-Spähtrupp“ im Hof: Jürgen, Hans-Jörg,
Heribert, Georg, Ines und ich. Wenige Minuten trennen uns noch von Luxus und
Delikatessen: Kaffee, sogar Cappucino und süße Leckereien vom Feinsten. Das ist
zumindest das, was uns unser Gaumen signalisiert. Mag sein Donuts und Co. sind
schon ein bisschen altbacken, so spät am Nachmittag. Aber was macht das schon,
wenn man - abgesehen von oft leicht angesengtem Toast - seit zwei Wochen kein
Brot mehr bekommen hat, von süßem Gebäck gar nicht zu reden. Die aufkommende
gute Stimmung wird noch von den Spekulationen über das zu erwartende Abendessen
angeheizt. Yak-Steak soll es geben! Fleisch! Mehr noch als ich (geht das?)
freut sich Georg auf diese Mahlzeit. Er hat sich in den vergangenen Tagen als
„fanatischer“ Fleischesser geoutet, was mir angesichts seines Arztberufes
irgendwie ein bisschen bizarr vorkommt. Witzige Bemerkungen über die
mutmaßliche Qualität des Fleisches machen die Runde. Sie haben ihren Ursprung
in Beobachtungen über den Umgang der Nepali mit schlachtfrischem Fleisch. Oft
liegt es stundenlang offen, jeder Fliege und jedem Keim gut zugänglich, einfach
auf dem Boden, günstigstenfalls auf einem hölzernen Tisch. Hygienevorstellungen
und -anforderungen aus Deutschland erscheinen bei solchem Anblick absurd.
Zusätzliche Verunsicherung erzeugte Tej, weil er Tage zuvor bei einer
Unterhaltung erläuterte, dass Yaks nur im Notfall geschlachtet werden oder weil
sie zu alt sind. „Alle Keime werden abgetötet, wenn man das Fleisch lange genug
erhitzt“ relativiert Georg unsere Bedenken mit seinem Sachverstand - oder macht
er sich nur selber Mut? Erwartungsvoll
sitzt dann alles im gut besuchten und gemütlichen Gastraum der Lodge. Was uns
serviert wird, sieht einem Steak überhaupt nicht ähnlich: Das Fleisch wurde im
Topf geschmort und liegt nun in Stücke geschnitten, bedeckt mit dicker, fast
schwarzer, sämiger Soße auf unseren Tellern. Der Geschmack ist ausgezeichnet
und erinnert sehr an Wildbret aus heimischen Wäldern. Ines probiert nur wenig
davon, sie ist die Einzige, die sich wenig aus der Festmahlzeit macht. Das
wiederum freut Georg und mich, denn wir teilen ihre Ration unter uns auf.
Natürlich ist dieses Abendessen der Höhepunkt aller Mahlzeiten, die wir während
des Trekkings vorgesetzt bekamen. Doch wenn auch sonst Fleischlosigkeit Trumpf
war, bis auf Eier und Yakmilch alles voll pflanzlich, wohlschmeckend und stets
frisch war die Verpflegung immer. An diesem Abend habe ich zum ersten Mal auch
wirklich Lust auf ein Bier. Bier, Cola oder andere Erfrischungsgetränke sind
hier Luxus, der mit sechs Mark oder mehr teuer zu bezahlen ist. Preise richten
sich naturgemäß nach der Höhenlage und dem Grad der Entlegenheit des Kaufortes.
Auch Mineralwasser ist davon betroffen, es muss wie alle anderen Güter auf dem
Rücken herbei geschafft werden. Für die Einliterflasche musste ich vor Tagen
bis zu zweihundert Rupien hinblättern, zur Zeit der Gegenwert von über sechs
Mark. Essen und Bier entfalten ihre Wirkung. Mir wird heiß und die Gespräche in
der Runde gewinnen an Lebendigkeit. Kurzzeitig bin ich versucht es anderen in
der Runde nach zu tun und mir auch noch ein Bier zu bestellen. Das erste nimmt
mich allerdings schon reichlich mit und wegen des morgen bevorstehenden weiten
Weges nach Lukla und der morgendlichen Kopfschmerzen vergangener Tage lasse ich
es dann.
| ||||||||||||||||||||||||||||||||||