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16. und
letzter Trekkingtag, „Von Namche Bazar (3440m) nach Lukla (2840m)" |
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Hoch
oben in Gorak Shep und Lobuche waren manche der Meinung, Lukla sei auch in zwei
Tagesmärschen locker erreichbar und so ein weiterer Tag zum Erholen im Hotel zu
gewinnen. Auch mir ist die letzte Übernachtung in Lukla lästig, am Ende dieses
sehr warmen Tages werde ich jedoch einsehen, dass das Trekkingprogramm in
diesem Teil mit Bedacht gestaltet wurde. Auch
während der Abschiedsetappe verwöhnt uns der Himalya-Wettergott noch einmal mit
herrlichem Wetter. Der erste Abschnitt des Weges durch Namche und danach, am
steiler werdenden Hang, bin ich mit Hans-Jörg in ein Gespräch vertieft. Er hat
die Idee, mit seinen Kameraden vom Drachenfliegerverein meine Dienststelle zu
besuchen und innerhalb von zehn Minuten sind alle Einzelheiten geklärt. Auf
halber Höhe des Abstieges zur Hillarybrücke bietet sich uns die letzte
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Kartenausschnitte für diesen Tag | |||
| Namche - Phakding | Phakding - Lukla | |||
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Der
innere Film vom Hinweg läuft nun mit einiger Übereinstimmung rückwärts ab. Wir
passieren die spektakuläre Hillarybrücke, zwei weitere Hängebrücken und
erreichen die Grenze des Nationalparks. Wieder derselbe Anblick der halb
martialisch, halb verschlafen wirkenden Soldaten, die das Tor bewachen
(auf diesem Link
sind sie nicht zu sehen). Tej
meldet die Gruppe innerhalb von Minuten ab. Diesmal bleibt keine Zeit, die
lange Liste mit Verhaltensregeln auf einer Tafel zu lesen. Sie ermahnen den
Besucher zu unterlassen, zu beachten und zu tun. Hier im unteren Abschnitt des
sonnenverwöhnten Dudh-Koshi-Tales gibt es nur kurze Strecken ohne Lodges oder
einheimische Behausungen am Wegrand. Da das mit der Endphase meiner Verdauung
noch immer nicht in üblicher Form funktioniert, halte ich ständig Ausschau nach
einem „Notverrichtungsplatz“. Doch erst während einer kurzen Rast an einem
Gasthof, zwingt mich das Gurgeln und Rumoren in der Körpermitte den Hang
hinauf... Erneut
zieht sich die Gruppe kaugummiartig in die Länge, was mir inzwischen aber nur
noch ein gedankliches Achselzucken verursacht. Der Weg ist weiter, als mich das
die Karte glauben machen wollte. Ich weiß, dass wir in der Lodge von Tendi essen werden, Hunger
habe ich allerdings schon hier in Phakding, dem Ort der ersten Übernachtung.
Neuerlich beeindrucken die
riesigen, mit heiligen Schriften behauenen Tendis
Lodge ist erreicht! Ich habe Durst und Hunger. Während Speisekarte und
Bestellblock kreisen, dringt eine beunruhigende Neuigkeit durch. Tendi hat
wieder Probleme mit seinem Herzen und Georg kümmert sich um ihn. Deutlich über
eine Stunde verstreicht mit ausruhen, essen und mustern der vorbei ziehenden
Kolonnen von Tragtieren und Trägern. Hochrechnungen werden angestellt, wie viel
Gewicht auf diesen schmächtig wirkenden Rücken lastet. Basis für die
Lastenmathematik sind Porter mit reinen Dosenlasten. Die Anzahl der Dosen steht
auf dem Karton. Diese Zahl, mit 0,33 Kilogramm multipliziert, mal Anzahl der
Kartons, plus einen geschätzten Zuschlag für die übrigen aufgebürdeten
Gegenstände, ergibt eine vage Vorstellung von der Mühsal, mit der diese
bewundernswerten Menschen täglich leben. Unter dem Druck von mehr als 80 kg
kriechen einige vorbei! Aufbruch:
Tendis Eltern legen jedem von uns einen weißen, dünnen Schal um den Hals, als
Zeichen des Abschiedes und auch der Sympathie. Längst habe ich es aufgegeben,
hinter solchen Gesten etwas anderes zu vermuten als Brauch und echte
Herzlichkeit. Mag sein, die Nepali haben die Werbewirksamkeit solchen Tuns
mittlerweile erkannt und lassen sich auch solchermaßen motivieren. Aber meine
große Wertschätzung für diese Menschen hieße mich jeden Eid schwören, dass der
Ritus ernst gemeint und nicht zur Folklore degeneriert ist. Tendi bleibt
zurück, um sich zu erholen. Alle hoffen, ihn am Abend in der Lodge noch zu
sehen, beim geplanten gemeinsamen Essen mit Guides und Trägern. Tendis
Lodge markiert gleichzeitig den tiefsten Punkt des Trekks, bei etwa 2450 Metern
Seehöhe. Vor uns liegt ein letzter Anstieg auf die 2840 Meter von Lukla. Es
braucht genau einen kurzen Lokaltermin in Sachen „humanes Bedürfnis" und schon
haben wir keine Gruppe mehr bei uns. Ich schicke auch Tej weg, weil wir den Weg
ja kennen und ich mich in diesem Land, unter diesen Menschen, völlig sicher
fühle. Eine gute Entscheidung! So haben Ines und ich diese verbleibenden
Kilometer für uns alleine. Im Empfinden übereinstimmend, nehmen wir mit jedem
zurück gelegten Meter Abschied vom Himalaya ... Meine Frau fühlt sich nicht
sonderlich wohl heute, ungewohnt schwach und ist froh auf niemanden Rücksicht
nehmen zu müssen. Viele freundliche Namastes später tauchen wir in das
gleichermaßen belebte, quirlige, wie schmutzige Lukla ein. Zwar hatte ich Tej
versichert, die Lodge wiedererkennen zu können, in der wir am ersten Tag die
Lasten auf die Träger verteilten. Im Vorbeiziehen der irgendwie gleich
aussehenden Häuser, schmilzt diese Überzeugung jedoch dahin. Bevor das zum
Problem werden kann, entdecken wir die Gruppe in einer Art „Biergarten" sitzend,
gut versorgt mit Trinkbarem. Tej führt uns zum richtigen Haus. Das
Gepäck ist noch nicht da und die verfügbaren „Rooms" sind anscheinend nicht so
schnell von Tej zu identifizieren. Zeit, um im Garten des Anwesens einen Tee zu
trinken. Nein, dieses Haus macht keinen guten Eindruck. Alles wirkt herunter
gekommen und unsauber. Dann die Zimmer: Spontaner Unmut regt sich in mir,
artikuliert als „ausgerechnet am letzten Abend, verfrachten die uns in so einen
Laden". In den Zimmern verstärkt sich der Eindruck des desolaten Hauses. Die
Zimmertüren lassen sich nicht einmal abschließen. Egal! Eine Nacht werden wir
schon überstehen. Ines versteht meine Aufregung nicht so recht. Wieder einmal
erlebe ich, dass meine Frau in solchen Dingen erheblich dickhäutiger ist als ich.
Schnell sind die Siebensachen ausgepackt und Ines verkriecht sich erst mal im
Schlafsack für ein bisschen Erholung. Ich verziehe mich in die Gaststube, will
den Tag niederschreiben und etwas lesen. Dort verteilt sich platzgreifend eine
englischsprachige Gruppe. Mir bleibt ein kleines, ungemütliches Eck. Hier
zerteilen meine missmutigen Blicke eine Weile den Raum, bis ich endlich zu
schreiben beginne. Ich bin sicher, unsere einheimischen Helfer haben diesen letzten Abend herbeigesehnt. Einmal der Anstrengungen wegen, die jetzt enden. Zum Anderen sind drei „Bräuche" mit ideeller, vor allem aber großer wirtschaftlicher Bedeutung für die Mannschaft zu zelebrieren: Essen, Trinkgeld, Bekleidung! Erst einmal sind alle zum Essen eingeladen. Tej meinte, das sei üblich und dieser Vorschlag wurde mit Freuden von allen unterstützt. Nach dem Essen wird dann das von Georg eingesammelte Trinkgeld entsprechend der Hierarchie verteilt. Am meisten erhält der erste Guide, danach der zweite und schließlich werden auch die Porter bedacht. Für alle ein erwarteter und gewichtiger Teil ihres Lohns. Ohne die Vorschläge des Veranstalters zur Höhe der Summen, wären wir reichlich überfordert gewesen. Am persönlichsten empfinde ich jedoch das Verteilen von alter Bekleidung und Ausrüstungsgegenständen, die nicht mehr gebraucht werden. Meine Bedenken, zwei gebrauchte und leicht „müffelnde" T-Shirts zum Fundus beizusteuern, stellen sich schnell als unbegründet heraus. Sie schaffen es immer noch mich zu verblüffen. In ihrer Genügsamkeit und Armut (= nicht Besitzen von Dingen) freuen sie sich wie Kinder zu Weihnachten, als Tej die Habe aufteilt. T-Shirts, alte Jogginghosen, eine Baseballmütze, Trinkflasche samt isolierender Hülle, Blöcke, Stifte und einiges mehr findet neue Besitzer. Besitzer, die zum Teil sofort in die neue Kleidung schlüpfen und uns auf diese Weise - sicher unbewusst - ihre Dankbarkeit ausdrücken. Ich glaube zu verstehen, wie bedeutsam diese Gegenstände für sie sind. Da spielt es auch überhaupt keine Rolle, dass die T-Shirts regelmäßig mindestens zwei Nummern zu groß sind. Das Khumbu ist kein Laufsteg und Sherpas sind keine Models. Unterdessen wird die englischsprachige Gruppe immer
lustiger und lauter. Sie haben ein Zelttrekking hinter sich und feiern heute
Abend gleichfalls das Ende ihrer Tour. Alle Mitwirkenden, vom Chefguide, über
den Koch, bis zu den sonstigen Helfern sind anwesend. Nach ihrem gemeinsamen
Essen beginnt einer der Guides zu musizieren, zu singen und zu tanzen. Jetzt
sollte ich in den Schlafsack kriechen, denn Lärm und lautes Hallo kann ich
heute Abend überhaupt nicht ab. Heribert ist schlauer und verabschiedet sich.
Die Heiterkeit animiert die ersten unserer Gruppe, denn wir sind eingeladen uns
der Feier anzuschließen. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet diejenigen jetzt ihr
Herz für Gemeinsames schlagen hören, die es auf dem Trekk ständig ignorierten.
Ist der Alkohol ursächlich oder wirklich der Wunsch mit diesen so oft
lachenden, in ihrem Wesen immer noch fremden Menschen zu feiern? Vielleicht bin
ich durch das hoch oben vor dem Everest Geschehene voreingenommen. Aber
zumindest bei Olaf scheinen mir andere Motive dahinter zu stecken. Er hielt
auch die von Tej für die Träger übersetzte Laudatio auf unsere
Begleitmannschaft, drängte sich geradezu auf. Von der wirtschaftlichen
Bedeutung der Sherpas für diese Region redete er, davon, dass kein Europäer
leisten könne, was diese kleinen Männer jeden Tag vollbringen und betonte
unsere, vor allem aber seine eigene Wertschätzung. Er hob die Gäste des heutigen
Abends auf eine Stufe mit uns, holte sie mit seinen Worten gleichsam ganz dicht
an die Tafel heran. Als danach das Essen gereicht wurde, schien er diese hehren
Sätze, wie seine Gäste aber bereits vergessen zu haben, wollte beherzt als Erster seinen Teller
füllen. War die Rede folglich nur der Profilierungsversuch eines im Reden
versierten Journalisten? Alles Reden hilft meine ich wenig. Diesen Männern zu
danken ist überfällig, in der Tat wäre ohne Träger kein Trekking realisierbar.
Den Dank mit der Überreichung von Geld- und Sachgeschenken zu verknüpfen, hilft
den Beschenkten ein gutes Stück weiter und gibt einem selbst ein gutes Gefühl.
Aber - und zu keinem anderen Zeitpunkt, noch Ort, wurde mir das klarer - die
Unterschiede zwischen Individuen, ja ganzen Gruppen der menschlichen
Gesellschaft, manifestieren sich in undurchlässigen Klassen verschiedenster
Ausprägung. An diesem Abend sitzen sich vor allem die Reichen und die Armen am
Tisch gegenüber. Keine noch so flammende Dankesrede wird diese Situation
nivellieren, weder insgesamt noch bei einem Einzelnen unserer Gegenüber.
Willst du, wollen sie ihr Eigentum mit
jenen Menschen teilen? Ich bin dazu nicht bereit und so bleibt jeder auf seiner
Seite der Grenze. Der Gemeinplatz stimmt eben nicht, der da lautet „ein Mensch
wie du und ich"! Je ausgelassener die Stimmung wird, umso mehr ziehe
ich mich in mich selbst zurück. Der Alkohol aus vielen Flaschen und Dosen
treibt Trekkerbeine zu tänzerischen Höchstleistungen. Ich möchte gehen und doch
fühle ich mich aus uneinsichtigem Grund verpflichtet zu bleiben. Andererseits
bin doch auch ich heute Gastgeber und soll ich meinen Gästen durch
Schlafengehen meine Missachtung vermitteln? Man wird mir negativ auslegen, dass
ich mich als Einziger dem allgemeinen Trubel verweigere. Später wird mir
zugetragen, dass draußen sogar Pläne für meine „Zurechtweisung" von einem,
allerdings heftig angetrunkenen Mittrekker geschmiedet wurden. Der Mut scheint
ihn jedoch verlassen zu haben, da mich weder am Abend noch am nächsten Morgen
(Kater?) ein Signal erreicht ...
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