"Rückflug nach Kathmandu"


Hinter den Flugzeugen verbergen sich Links zum Flugplatz Lukla.
Sie zeigen allerdings den Zustand der Piste vor der Asphaltierung!

 

Ein letztes Lodgefrühstück um sieben Uhr, dann setzt sich die „Karawane" in Richtung Flugplatz in Bewegung. Zwei Befürchtungen bestätigen sich nicht: Die Träger, obwohl ausbezahlt, halten uns die Treue und schleppen ein letztes Mal die Säcke und Taschen. Zuvor haben sie noch einen Teil des Frühstücks abbekommen. Und auch der Khumbu-Wettergott hält loyal zu uns, erspart uns einen weiteren unbequemen Tag in Lukla. Durch den belebten Hauptweg von Lukla erreichen wir das Flugfeld und umgehen es an der Bergseite. Man steht dort direkt am Pistenende, etwa zehn Meter oberhalb des nur wenige Hundert Meter langen Asphaltbandes. Ein wenig zum Schmunzeln reizt dieser Flugplatz schon: In keinem westlichen Land bekäme er aus Sicherheitsgründen eine Zulassung. An- und Abflüge MÜSSEN klappen! Überschießen nach der Landung fände ein jähes Ende an der Mauer zu meinen Füßen. Auch das Ausbrechen beim Landeanflug ist in der Schlussphase nicht mehr möglich, weil ringsum hohe Berge das Hochziehen der Maschine unmöglich machen. Ähnliches gilt beim Start. Nach dem talseitigen Ende der Runway gähnt der Abgrund ... Ja, und dieser ganz und gar unmögliche Flugplatz hat nun eine streng nach den Vorschriften gestaltete, asphaltierte Startbahn bekommen: An jedem Ende sind metergroße Zahlen aufgemalt , die, mit zehn multipliziert, die Anflugrichtung in Winkelgraden wiedergeben. Ich schaue hinunter auf die Startbahn und amüsiere mich mit Jürgen und Hans-Jörg über die Anflugrichtung, aus der nicht einmal eine Biene den Platz anfliegen kann. Erstaunen aber auch Unbehagen löst die extreme Neigung der Rollbahn aus. Es müssen zwischen fünfzehn und zwanzig Grad sein. Ach was, wische ich heimliche Bedenken zur Seite, schon so viele Fluggeräte sind hier gestartet und gelandet, warum soll dann ausgerechnet bei unserem was schief gehen?

 

Tej mahnt zur Eile und so strebt der Tross nun rasch dem neu wirkenden Flughafengebäude zu. In der Eingangshalle verabschieden wir uns per Handschlag von allen Sherpas und wenden uns zum Check in. Ein bisschen Wehmut fühle ich, die „Jungs“ hier zurück zu lassen. Schon bizarr: Sie waren siebzehn Tage sehr wichtig für uns und nun werde ich sie nie wieder sehen!

 

Wider Erwarten klappt der Rückflug reibungslos. Das Chaos beim Einchecken ist wieder nur scheinbar und sicher landesüblich. Alles wuselt durcheinander und doch steigt jede Gruppe in die richtige Maschine und auch das Gepäck landet im dafür vorgesehenen Laderaum. Der Check an der Sicherheitsschleuse ist erwartet oberflächlich. Zu absurd mutet aber auch ein terroristisches Szenario in dieser Umgebung an. Jeder nutzt die knappe Stunde im Warteraum anders: Lesen, ein bisschen dem Start entgegen dösen, kleine Gespräche oder Bewegungen auf dem Vorfeld beobachten. Das Aussteigen-Entladen und Einsteigen-Beladen dauert wirklich nur Minuten. Einer der Piloten lässt während des Frachttausches sogar das Triebwerk auf der abgewandten Seite laufen. Diese Eile kommt mir seltsam vor, nach der Ruhe und völligen Unaufgeregtheit der Trekkingtage. Machen Technik und Zivilisation per se unruhig und gehetzt? In diesem Fall liegen die Beweggründe sicher in der begrenzten Anfliegbarkeit des Platzes. Es gibt kein Radar, also sind nur Sichtflüge möglich und die enden, wenn die am Spätvormittag aufziehende Bewölkung zu stark geworden ist. Vermutlich aus diesem Grund listet der Flugplan nur am Vormittag Starts und Landungen auf.

 

Ich betrachte eingehend die ausgehändigte Borkkarte von Yeti-Airlines. Auf der Rückseite finden sich Tips zur Vermeidung der Höhenkrankheit in Nepalesisch und Englisch: "Steige langsam! Informiere dich über die Höhenkrankheit! Bleibe auf derselben Höhe, bis die Symptome verschwunden sind! Raste und trinke viel Flüssigkeit! Wenn die Anzeichen nachlassen, kannst du weiter steigen, wenn sie sich verschlimmern, steige sofort tiefer! Lass deinen Freund nicht zurück!" - Ein bisschen spät kommen diese Tips. Auf dem Hinflug, zugeschüttet mit neuen Eindrücken, habe ich sie nicht bemerkt. Eine Twin-Otter von Yeti-Airlines schwebt ein. Nein, diese ist noch nicht unsere, wohl aber die nächste versprechen Tendi und Tej. Dann geht alles ganz schnell. Kaum ist der Lärm der gelandeten Maschine an mein Ohr gedrungen, als eine Offizielle uns zum Ausgang ruft. Fünf Minuten später schon sitzen wir in dem brutal engen zweimotorigen Flugzeug. Beim kurzen Gang übers Abstellfeld sind unsere Sherpas ein letztes Mal zu sehen, sie sitzen außerhalb des Zaunes und beobachten den Abflug. Kaum Zeit sich anzuschnallen, die Kamera schussbereit zu machen, das Bonbon-Servier-Ritual zu vollziehen und schon rollen wir zum Start. Ich beobachte die Piloten

bei der Arbeit: Bevor das ungute Gefühl in der Magengrube zur Flugangst mutieren kann, schieben die Piloten die Gashebel nach vorne, drückt es uns in die Sitze, reißen die zwei starken Motoren das Fluggerät in den Himmel, schweben wir über nepalesischer Landschaft. Alles Paletti! Schnelles Steigen in leichter Linkskurve, um dem gegenüber liegenden Berg auszuweichen, bevor der Steigflug in einen flacheren Winkel übergeht. In der folgenden Stunde wechseln bewaldete und unbewaldete Berge mit Feldterrassen. Weiter ab im Norden leuchten immer wieder die Schneegewaltigen des Himalaya herüber. Im Verlauf der gerade mal vierzig Minuten Flugzeit werden die Berge flacher, nehmen die

Karten-Links zu Kathmandutal und Stadt
Kathmandu Valley Shopping-Zentren Highlights und Hotels

Ansiedlungen zu. Nur Straßen sind selten. In dieser Hinsicht ist das Land kaum entwickelt. Ich kalkuliere die Seehöhe von Kathmandu in Fuß (ein Meter entspricht ungefähr drei Fuß). Tatsächlich bleibt der Höhenmesser auf den errechneten 4300 Fuß stehen, als die Maschine gegen vierzehn Uhr Bodenberührung hat.

Der Stupa von Botnath

Minuten nach der dem Ausrollen und der kurzen Fahrt mit dem betagten Vorfeldbus, stehen wir in der Gepäckhalle und warten auf Seesäcke und Reisetaschen. Die flinken Nepalesen brauchen nur kurze Zeit, um auch diese Phase unserer Rückkehr abzuschließen. Als mich Tej mit der überdimensionalen und gewichtigen, grünen Monsterreisetasche kämpfen sieht, packt er sich beherzt eine Tragschlaufe und so eilen wir gemeinsam dem weit abseits geparkten Bus zu. Ines „hinkt“ ein wenig hinterher, die engstehenden Sitze im Flieger haben ihr linkes Bein derart „absterben" lassen, dass es noch immer nachwirkt.

 

Wenig später rattert der nicht mehr ganz taufrische Bus durch die Außenbezirke von Kathmandu, dem fantastisch gelegenen Godavari-Hotel entgegen. Die Egofraktion wollte ja die verbleibenden Tage lieber im Stadthotel verbringen und setzte dafür alle Hebel in Bewegung. Zur Freude der in Erholungs- und landschaftlichen Schönheitskategorien denkenden Mehrheit wurde daraus aber nichts.

Das Leben der Menschen in Kathmandu ist von zwei religiösen Polen geprägt, die einander nicht abstoßen, sich vielfach sogar ergänzen: Buddhismus und ...
Hinduismus! Rivalität und Intoleranz gegenüber dem Andersgläubigen sind unbekannt. Maju dega Tempel am Durbar Square

Vor den Fenstern des Busses fliegen Straßenszenen und bäuerlich geprägte Landschaften vorbei. Serien von neuen, vom bisherigen Erleben völlig verschiedenen Bildern werden auf mich abgeschossen. Zu viele um sie zu registrieren, von Fotografieren ganz zu schweigen. Zwei sind kurios und verdienen Erwähnung: Zunächst das Jungrind, stoische Ruhe ausstrahlend, mitten auf belebter Kreuzung, umkurvt von Fahrrädern, Mopeds, Autos und natürlich unserem Bus. Wär’s nicht zu absurd, ich überließe mich der Vorstellung, dass sich das Tier seiner „Heiligkeit“ und Bedeutung bewusst ist. Ein Wegstück weiter entdeckt mein angewiderter Blick einen Rindskopf mit Hörnern, fast fleischlos in der Gosse liegend. Die Begriffe Hygiene und Sauberkeit haben hier einen anderen Inhalt - was für ein Land!

 

Im Hotel sind die Formalitäten schnell erledigt, alle erhalten dieselben Zimmer wie bei der Anreise. Im Zimmer kann ich es kaum erwarten, bis die deponierte zweite Reisetasche gebracht wird und dann nichts mehr zwischen mir und der Megadusche liegt: Einseifen, waschen, rubbeln, einseifen, waschen, waschen, duschen, duschen ... endlos lange.

Ich habe gelernt! Nur für einen kleinen Teil der Menschheit ist duschen eine Selbstverständlichkeit. In Wahrheit ist es eine luxuriöse Handlung, die nur im relativen Reichtum möglich ist. Dieses kann ich mit Fug und Recht versichern: Nie zuvor hat der Prozeß der Körperreinigung mir mehr Befriedigung und Wohlgefühl verschafft als an diesem Tag, Tausende von Kilometern entfernt von zu Hause ...

Straßenszene aus Kathmandu

 

Ein ausgiebiges, nun nicht mehr fleischloses Mittagessen folgt. Zu sechst, im Kreis, sitzen wir auf der Hotelterrasse, mit Blick auf die exotisch romantische Hügellandschaft um uns her und lassen uns verwöhnen. Weit entfernt im Norden grüßen die weißen Gipfel des Himalaya. Der Versuch, danach am Pool die Sonne zu genießen und zu lesen, endet für mich nach einigen Minuten mit Einschlafen. Den Schlusspunkt dieses Tages setzt ein Spaziergang, bei dem Ines und ich die Hotelanlage talseitig, in Richtung der Reisterrassen, verlassen. Nach einer halben Stunde und diversen "Namaste's"

Straßenszenen aus Kathmandu: Quirliges Stadtleben wohin man blickt!

haben wir einen Begleiter. Er heißt Rara, ist dreizehn Jahre alt, spricht erstaunlich gutes Englisch und sogar ein paar deutsche Sätze. Ein einfacher Bauernjunge, der sich in Eigeninitiative um seine Englischkenntnisse müht, weil er dereinst Guide werden möchte. Im Vorübergehen zeigt er uns das Haus in dem er wohnt und spricht auch eine Einladung aus. Ganz sicher ist sie ernst gemeint, trotzdem lehnen wir für heute dankend ab. Auf dem kurzen Spaziergang durch die sehr staubigen Wege des Vorortes von Kathmandu ist die offene, unverkrampfte, oft fremdenfreundliche - nein herzliche! - Art der Menschen allgegenwärtig. Angst und große Scheu vor oder gar Antipathien gegen uns reiche Europäer gibt es hier kaum. Neid scheint im genetischen Code dieser Leute nicht programmiert zu sein. Mit einem Lächeln und den gefalteten Händen unter dem „Namaste" sprechenden Mund, drücken sie den Fremden Achtung und Respekt aus. Was für wunderbare Menschen! Wir kaltschnäuzigen, berechnenden, häufig ignoranten, ständig wegen ein paar Mark jammerndern und verwöhnten Zivilisationskrüppel sollten uns eine Scheibe davon abschneiden ...

Straßenszene aus Kathmandu

 

      back-pfeil.gif 81x85