Hinweis für konditionsstarke Leser, die es tatsächlich bis
hier hin geschafft haben: Irgendwann füge ich dieser Seite noch ein paar Bilder hinzu. Der letzte Film ist
nämlich noch in der Kamera und nicht voll ...
Wie den letzten Tag
verbringen? Noch einmal in die lärmende Stadt oder eher etwas ruhiger,
beschaulicher, im Hotel von Nepal Abschied nehmen? Am Abend vorher waren sich
die meisten einig, die Stadt zu meiden. Einige werden jedoch wieder
„rückfällig“ und fahren doch - zumindest für einen Vormittag und letzte
Souvenirkäufe. Unser Entschluss steht, wir wollen nach dem Frühstück einen
Ausflug rund ums Hotel unternehmen - zu Fuß.
Unmittelbar
hinter der Toreinfahrt des Hotels beginnt das ursprüngliche, nur leicht vom
Tourismus verfälschte Nepal. Über die unfestigte, staubige Zufahrtsstraße
wenden wir uns an der nächsten Abzweigung nach rechts, heraus aus dem ländlichen
Vorort von Kathmandu. Godavari heißt die Gegend hier, wie das Hotel. Während
wir den abschüssigen Weg zum Fluss hinunter laufen, können wir schon viel vom
Arbeitsleben auf dem Land aufnehmen. Es ist die Zeit der Reisernte. Oft wird in
Gruppen gearbeitet: Schneiden der Garben, zusammen tragen, dreschen, bergen von
Ernte und Stroh, später umgraben der Felder. Fast ausschließlich menschliche
Arbeitskraft ist gefordert, Maschinen gibt es nicht. Alles geht mit viel Ruhe
vor sich.
Immer wieder
begegnen uns Kinder in Schuluniformen. Auch sie haben keine Eile und
interessieren sich heute bestimmt mehr für die ungewohnten Fremden in ihrem
Revier, denn für den bevorstehenden Unterricht. Die meisten Menschen halten
sich dicht bei ihren Häusern oder Gehöften auf und sind mit den Verrichtungen
des täglichen Lebens beschäftigt. Anlässlich unseres Erscheinens, spätestens
jedoch nach dem obligaten „Namaste", hellen sich die Gesichter von Jung und Alt
zu einem strahlenden Lächeln auf. Ein wenig unwohl fühle ich mich schon.
Schließlich sind wir hier, um etwas von Land und Leuten zu sehen.
Ob sich manche der Menschen irgendwie „besichtigt" vorkommen, sich
belästigt fühlen?
Dem Hotel
gegenüber, auf der anderen Talseite, jenseits der vielen Reisfelder, auf einem
jäh aufragenden Hügel, entdeckten wir schon am Ankunftstag eine Tempelanlage.
Das ist unser eigentliches Ziel heute. Nach ein wenig Zickzack über Feldwege,
vorbei an versprengten Bauernhöfen, finden wir den Aufgang zum Tempelberg.
Immer wieder inne haltend, um die Aussicht zu genießen, gewinnen wir
schließlich die Spitze des Hügels. Drei Kinder nehmen uns zuerst wahr und
sofort ändert sich der Charakter ihres Spieles. Sie führen sich ein bisschen
vor, demonstrieren ihr Spiel, ganz so, wie Kinder es überall auf der Welt tun,
wenn fremde Erwachsene hinzu stoßen. Da ist aber die Sprachbarriere und so bleibt uns
nur sie anzulächeln und uns dann der Hindu-Tempelanlage zu widmen. Eine - nun
wie nenne ich sie korrekt? - „Dienerin" des Tempels ist gerade dabei, rings um
die Außenmauer des überdachten, mittleren, wohl allerheiligsten Areales Kerzen
zu entzünden. Einige Männer führen andere Arbeiten an der Anlage aus, deren
Sinn mir nicht verständlich ist. Sind wir hier oben nur geduldet? Oder stimmt
mein Eindruck, dass wir als Besucher dieses Ortes wie selbstverständlich
willkommen sind? Wir nehmen uns Zeit, sehen uns um. Lassen den Blick auch immer
wieder schweifen, weit hinaus über Ansiedlungen und Felder. Im Dunst des
Vormittages liegt gegenüber das Hotel. Ob die vielen Menschen, die ich von hier
oben bei der Arbeit beobachten kann, wissen, welch ein unverschämter, für sie
unbezahlbarer Luxus in dieser Hotelanlage herrscht? Und wenn ja, verspüren sie
nie den Wunsch das auch zu haben? Empfinden sie manchmal Neid auf die
wohlhabenden Fremden, sind nur zu stolz, zu höflich und zu friedfertig, um ihn
zu zeigen? An kaum einem anderen Platz während dieses Urlaubes und bei keiner
anderen Gelegenheit fühle ich mich mehr als Fremdkörper in dieser Welt. So nah
wir den Menschen auch kommen mögen, es würde Monate oder Jahre dauern ihr Wesen
zu erfassen und zu verstehen ... Jedes Bild von Nahegelegenem oder weiter
Entferntem belege ich mit dem Prädikat „Nepal ist schön"!
Natürlich vor allem für uns Touristen,
mit vergleichsweise unendlichem Reichtum in der Börse, die wir uns hier ein
ganz und gar fürstliches Leben leisten können ... Solches zu denken und darüber
zu enden, hieße sich vor einer wichtigen Frage zu drücken: Ist es richtig als
Tourist und Trekker in dieses Land zu reisen? Um es kurz zu machen: Ich meine ein
„Ja" ist die bessere von zwei möglichen Antworten. Sicher gibt es
Begleiterscheinungen, die dem Land, der Umwelt, den Menschen schaden. Beispiel:
Wie viel Müll mögen wir wohl hier im Hotel oder beim Trekking verursacht haben,
der nicht wirklich entsorgt, sondern nur in der Landschaft deponiert werden
kann? Andererseits bringen wir Geld und Arbeit in ein Gemeinwesen, dem es sehr
an diesen Ressourcen fehlt. Mein Gewissen ist also hellgrau, nicht ganz rein
aber auch nicht sonderlich befleckt.
Wir
verlassen den Hügel auf dem Anstiegsweg, umrunden ihn und suchen die
Brücke über den Fluss, die wir von oben gut erkennen konnten. Frauen, mit
Reisstroh dick bepackt und gebeugt, kehren von der Feldarbeit heim. Einige
hundert Meter flussaufwärts nutzen Frauen das Wasser zum Waschen ihrer Wäsche.
Andere nehmen ganz offenbar ein kühlendes und reinigendes Bad. Immerhin scheint
schon wieder seit Stunden die Sonne und subtropische Temperaturen erhitzen auch
uns. Massige Wasserbüffel werden kurz oberhalb der Brücke zur Tränke geführt.
Und dann sitzt manchmal auch einfach nur jemand da, schaut in die Weite, hält
ein Mußestündchen, steht auf und geht wohl wieder seiner Arbeit
entgegen. Ob im Nepalesischen überhaupt eine Vokabel für den Begriff „Eile"
existiert?
Über die
Brücke erreichen wir nach kurzem Anstieg den Ort. Menschen bei handwerklichen
Arbeiten, beim Einkaufen oder bei einem Schwätzchen sind zu sehen. Ein ganzes
Stück müssen wir an der asphaltierten Straße entlang laufen, die von Kathmandu
her und weiter hinaus in die Provinz führt. Nur wenige Fahrzeuge fahren vorbei
und wenn, dann sind es meist alte und klapprige Vehikel, die für irgendwelche
Besorgungen oder Transporte genutzt werden. Privaten Autoverkehr, wie wir ihn
von zu Hause kennen, gibt es hier faktisch nicht. Am Abzweig, der uns zum Hotel
zurück führt, treffen wir vor einem Laden auf Lars und Günther, die auch einen
Spaziergang unternommen haben. Hier gibt’s gekühlte Getränke und die beiden
empfehlen uns eine Cola. Ich kaufe zwei, für einen Spottpreis, im Vergleich
zu den Hotelpreisen. Bevor wir wieder das Hotel erreichen, passieren wir die
Schule. Die vielen Kinderstimmen, die aus dem Inneren des Gebäudes dringen,
lassen keinen Zweifel an seinem Zweck aufkommen.. An einem Gemischtwarenladen
ersteht Ines einige Kärtchen mit Glitzeraufklebern, die jedes Make Up
verbessern können. Die junge Ladenbesitzerin freut sich über das kleine
Geschäft und wir über die Begegnung.
Zurück im
Hotel entscheiden wir uns für den Pool. Dabei geht es nicht um ein Bad, das
Wasser ist mit 18°C sogar einigermaßen kalt. Der Pool ist der einzige Ort, an
dem in diesem Land das (fast) unbekleidete Zurschaustellen des eigenen Körpers
- man nennt es auch „Sonnenbad" - mögliich ist. Ansonsten halte jedermann seinen
Körper bedeckt. Die „Kleiderordnung" lehnt bei Frauen nackte Schenkel, also
auch kurze Hosen und bei Männern entblößte Oberkörper ab. Wir haben uns daran
gehalten, um der Einstellung der Menschen hier den nötigen Respekt zu zollen.
Das taten übrigens auch die meisten anderen Trekker. Nur ganz selten sah ich
Frauen in Shorts. Am Pool ist kein Liegestuhl frei, also nehmen wir mit Tisch
und Stühlen vorlieb. Schreiben, Lesen, in die Sonne träumen, ausruhen. So
vergeht der Nachmittag. Der Rest des Tages ist von Abreisetätigkeiten geprägt:
Packen, Zahlungen an der Rezeption leisten, Infos einholen, usw. Ich
erleichtere unsere Reiseapotheke um jetzt überflüssige Medikamente und
deponiere sie vor der Hoteltür des örtlichen DAV-Summit-Club-Reiseleiters. Auf
diese Weise kommen die Arzneien kostenlos den Menschen hier zu Gute, die sich
teure Behandlungen sicher nicht leisten können. Überhaupt gäbe ich gerne den
Rat, alles an abgelegter Kleidung und überflüssigen Gebrauchsgegenständen nach
Nepal mitzunehmen. Gebraucht wird es allemal und hoch willkommen ist es auch.
Aber dieser Rat kann natürlich nur zum Auffüllen der Restkilo führen, die einem
beim limitierten Fluggepäck verbleiben.
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