Als wir
zum Frühstück ein letztes Mal am Tisch der Gruppe „Kala Pattar II“ Platz
nehmen, sind Tej und Tendi dabei. Eine tolle Idee der örtlichen Reiseleitung,
die beiden während der letzten Stunden dabei zu haben. Sie werden auch mit zum
Flughafen fahren und dafür sorgen, dass wir unbeschadet zum Check In gelangen.
Wenig später sitzen wir, den weißen, nepalesischen Abschieds- und
Freundschaftsschal um Hals oder am Rucksack, im kleinen, brechend gefüllten Bus
und schaukeln über die bekannte Route gen Flughafen. Ein letztes Mal die rasch
wechselnden Szenen am Straßenrand. Obwohl ich diesen Anblick nun schon häufiger
hatte, sind die Bilder immer noch fremd und irritierend. Das im Vorbeifahren
entstehende Gesamtmosaik aus blitzlichtartig aufgeschnappten Einzelbildern
dokumentiert eine außen wie innen, eine im sichtbaren, wie unsichtbaren, von
der unseren ganz und gar verschiedene Welt. Ich war hier Gast, willkommener
Gast, ich nehme Eindrücke mit, habe Bilder dabei, in meiner Kamera, mehr noch
im Kopf. Verstanden habe ich viel zu wenig, war zu schlecht vorbereitet.
Am
Flughafen geht alles ganz fix und viel zu hektisch. Schuld daran sind Schwärme
von Trägern, die sich sofort auf uns stürzen, das Gepäck in die Flughafenhalle
schaffen wollen. Also greifen wir uns schnell unsere Reisetaschen, schnallen
den Rucksack um, verabschieden uns von Tej und streben der Eingangshalle zu.
Tendi hoffe ich dort noch zu treffen. Zu spät wird mir klar, dass er die Halle
nicht wird betreten dürfen. Im Gewimmel der Menschen vor dem Gebäude ist er
auch nicht mehr auszumachen. So tröste ich mich damit, dass wir uns - Zug um
Zug - schon in den zurückliegenden Tagen verabschiedet haben. Auch Adressen
wurden getauscht, so ist jeder - bei Bedarf - erreichbar.
Der Check
In für die Condor ist nicht schwer zu finden. Einfach dort anstellen, wo sich
die längsten Schlangen gebildet haben. Der Wunsch der Reiseleitung, die Gruppe
möge gemeinsam einchecken, erweist sich als illusorische Vorstellung. Warum
sollten die Egos ausgerechnet am letzten Tag, beim „Wiedereintritt“ in die
Zivilisation, dem Gruppeninteresse den Vorzug geben ... Ich lasse Ines mit
Georg, Karre und Gepäck zurück und mache mich auf die Suche nach dem Schalter
wo die Sicherheitsgebühr von 1100,- Rupien pro Person zu entrichten ist. Auf
dem Rückweg informiere ich die Anderen unserer Gruppe, so weit ich sie finden
kann. Check In: Business as
usual. Überall auf der Welt gleich. Im Warteraum sind es nur immer
andere Münzen oder Scheine, die man dann möglichst vollständig in letzte
Getränke, Schokolade oder Bonbons umwandelt... Oh je, schon wieder so eine
Röntgenkiste, zum Durchleuchten des Handgepäcks! Gefahr für die Filme!? Etwas
panisch reiße ich die Plastiktüte mit den zehn belichteten Filmen aus dem
Rucksack, bevor ich ihn auf das Band lege. Bestimmt wirke ich auf die Wachleute
ein ganz klein wenig lächerlich, mit meiner Tüte in der Hand ...
Der
Flieger startet pünktlich und schraubt sich über Kathmandu in einer 360°-Kurve
steil in den Himmel. Das Manöver, mit dem der Flugzeugführer vor allem
ausreichend Höhe gewinnen möchte, um über die ersten Höhenzüge zu kommen,
bietet Gelegenheit ganz Kathmandu aus der Höhe noch einmal zu betrachten. Der
weitere Flug verläuft beinahe parallel zum Himalaya. Noch fast eine Stunde
begeistern mich fantastische Einblicke in die Welt der Eisriesen. Hinter mir
sitzt ein intimer Kenner all der Gipfel, die er seinem Nachbarn eifrig erklärt.
Auf diese Weise werden sie auch mir der Reihe nach vorgestellt. Bekannte,
aufregende, nach dramatischen Abenteuern klingende Namen dringen an mein Ohr
...
Über dem
arabischen Meer halte ich Ausschau nach größeren Schiffsverbänden,
amerikanische Flugzeugträger mit ihren Begleitschiffen, von denen aus die
Angriffe auf Afghanistan geflogen werden. Aus dieser Höhe (über 10000 Meter)
und bei dem völlig wolkenfreien Himmel, müssten die Einheiten gut auszumachen
sein. Ich entdecke nichts und auch während der Zwischenlandung in den
Vereinigten Arabischen Emiraten (Flughafen Sharjah, sprich:"Schascha") deutet absolut nichts auf die dramatischen
Ereignisse in dieser Region hin. Wieder in der Luft, überfliegt die Boeing 757 den
Iran und schließlich die Türkei. Die biblische Pyramide des Ararat grüßt
herüber. Über der Türkei verlieren wir dann die Bodensicht, das Wetter
verschlechtert sich.
Landung
und Gepäckempfang verlaufen ohne weitere Vorkommnisse, jedenfalls für uns. Hans-Jörg
hat irgendwo seinen Autoschlüssel verloren und steht mit Jürgen nun vor einem
massiven Problem. Wir versuchen mit Überlegungen zu helfen, werden von den
beiden schließlich aber verabschiedet. Den anderen, Heribert, Georg, Günther
und Lars haben wir schon am Gepäckband Lebewohl gesagt. Unser Empfangskomitee
und Heimtransport in Gestalt einer lieben Arbeitskollegin und Freundin von Ines
stellt sich ein. Großes Hallo, und dann klingt unser Trekkingabenteuer mit
einer ganz gewöhnlichen Autofahrt aus...